Der Hobbit: Fantasy mit System



Nach der Royal Premiere am Mittwochabend in London, startete “Der Hobbit- Eine unerwartete Reise” am Donnerstag auch in den deutschen Kinosälen. Der Film ist der erste einer dreiteiligen Kinofassung der umfangreichen Vorlage von J.R.R. Tolkien. Die Geschichte von Bilbo Beutlin, der dem Film seinen Namen gibt, wird von vielen Seiten als Prolog für “Der Herr der Ringe” gesehen. Genauer betrachtet ist “Der Hobbit” nicht weniger als eine Einführung der gesamten Fantasiewelt Mittelerde, die von ihrem Autor vor 75 Jahren mit atemberaubendem System ersonnen worden ist. Ohnehin steckt hinter dem Epos viel mehr als ein ausgeprägter Sinn für das Fantastische.

“Der Hobbit” spielt in Mittelerde, 60 Jahre vor der Vernichtung des Rings. Im Mittelpunkt steht Bilbo Beutlin, der ähnlich wie später Frodo, durch den Besuch des Zauberers Gandalf und einer Gruppe von 13 Zwergen unversehens in ein Abenteuer gerät. Unter der Führung des legendären Kriegers Thorin Eichenschild ziehen Bilbo und die Zwerge aus, um das, vor langer Zeit vom Drachen Smaug unterworfene Zwergenreich Erebor zu befreien. Auf der Reise zum Einsamen Berg begegnet Bilbo auch dem Wesen, das die Geschichte Mittelerde nachhaltig beeinflussen sollte, Gollum.

Das Buch “Der kleine Hobbit” legte den Grundstein für ein Genre, das heutzutage für exorbitante Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt sorgt, den Fantasy-Roman. Sein Autor gilt als Vater eines Genres, das der Fiktion im Gegensatz zu den Science-Fiction Romanen von Jules Verne oder den Abenteuer-Romanen von Robert Louis Stevenson, eine neue Ausdrucksform beibrachte.

Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass J.R.R. Tolkien nicht etwa der exzentrische Märchenonkel war, sondern in erster Linie ein herausragender Wissenschaftler. Nicht nur seines akademischen Grades wegen. Nach dem Ersten Weltkrieg lehrte er als Professor für Englische Sprache an den Universitäten zu Leeds und Oxford, im Privaten jedoch ließ er ganze Welten in seinem Kopf entstehen.

Mit einem gerade zu obsessiven Faible für altenglische und nordische Sagen ausgestattet, führte Tolkien mit erstaunlicher sprachwissenschaftlicher Expertise und elaboriertem System, neue, fiktive Sprachen ein. Schon als Jugendlicher ersann er das “Animalische”, später kamen dann Gnomisch (Sindarin) und Elbisch (Quenya) hinzu. Für unsereins mutet das schon sehr eigentümlich an, zu betonen ist aber der Fakt, dass er sich diese umfangreichen Fantasie-Erzeugnisse vollständig in Schrift und Grammatik aneignete.

Die Sprachen waren also die Triebfedern für die daraus resultierende Mythologie, der Grundstein von Mittelerde. In einem Brief schrieb der Autor einst: “… beseelte Worte, von denen letztendlich meine gesamte Mythologie ihren Ausgang nahm.” Zum Ausdruck kam diese fiktive Welt voller Hobbits, Zwerge, Zauberer und Elben erstmals 1914 im Gedicht “Die Fahrt von Earendel, dem Abendstern”.

Nun waren die ersten Gehversuche innerhalb des Ersonnenen getan, zum Erblühen brachten es erst seine Kinder, für die nach einigen illustrierten Weihnachtsgeschichten schließlich ab 1920 “Der kleine Hobbit” schrieb. Am Anfang stand jedoch nie das Vorhaben, ein Buch zu schreiben, das Werk war vielmehr die Konsequenz einzelner Passagen, die er mit einigen längeren Schreibpausen, immer wiede zu Papier brachte.

Mit Erscheinen 1937 betrug die Gesamtauflage gerade einmal 1500 Exemplare, eine Zahl die sich bis heute auf beinahe 100 Millionen steigern sollte. 17 Jahre nach dem Hobbit erschien dann die Fortsetzung der Geschichte von Bilbo Beutlin, “Der Herr der Ringe”.

Wie “Der Herr der Ringe” wurde auch “Der Hobbit” für das Kino in drei einzelne Teile zerlegt, der Unterschied liegt jedoch in der Diktion der Bücher. ” Der Hobbit” sollte von Anfang an ein Kinderbuch sein und ist im Gegensatz zu seinem etwas düsteren und pathetischen Nachfolger warmehrziger und humorvoller in Sprache und Erzählstil.

Es ist wahrlich keine leichte Aufgabe für einen Regisseur nach dem überwältigenden Erfolg der “Herr der Ringe”- Trilogie sowohl seinem unverkennbaren Stil treu zu bleiben als auch den Vorgaben der Romanvorlage Rechnung zu tragen. Zudem “Der Hobbit” den eigentlichen Prolog zu “Herr der Ringe” bildet, was bedeutet, dass alles stimmig inszeniert werden muss.

Zumindest hat Peter Jackson es geschafft, die Cast der vorherigen Filme vollständig für den neuen Film zu verpflichten, was die Nachvollziehbarkeit der Geschichte enorm erleichtert. Unverkennbar ist auch sein Hang zum bombastischen Spektakel und zur etwas romantisierten Kriegeraura geblieben. Dem Film ist das aber nur zuträglich, denn auch in “Der Hobbit” schafft es Jackson, den Zuschauer ein kleines Stückchen weiter in die Fantasiewelt von J.R.R. Tolkien mitzunehmen.

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