Fotografie-Ausstellung: “Am Telefon”



Ausgerechnet in Bielefeld eröffnet am Samstag die Fotografie-Ausstellung “Am Telefon” und gezeigt wird genau das, was der Titel ankündigt: Menschen am Telefon. Banal, lapidar, manchmal nackt. Im Untertitel allerdings zeigt die Ausstellung auch die “Geste und (den) Fetisch”.

Drei Wochen lang werden im Nr.z.P. rund 50 Bilder zu sehen sein auf denen mit, an, unter und auf dem Telefon posiert wird – alles Arbeiten aus einer anonymen Sammlung. Fast nichts ist bekannt über die Herkunft der Fotos; und das hat nichts mit Suspense zu tun. Die Bilder fielen dem Kurator der Ausstellung, Lars Hillebrand, auf absurde Umwege in den Schoß. Als Teil einer Privatsammlung, die einst einer großen Kultureinrichtung in NRW vermacht worden war, waren die Bilder jahrelang in irgendeinem Archiv vergessen worden. Eigentlich Jahrzehnte – bis sie gefunden und ‘gerettet’ wurden. Von wem – auch das ein Geheimnis. So viel jedenfalls ist klar: während andere Kunst-Menschen bei der Betrachtung dieser zunächst trivial wirkenden, ca. 30 Jahre alten Telefon-Schnappschüsse vermutlich an Flohmarkt oder Hexler gedacht hätten, sah Hillebrand den inhaltlichen Wert, ja vielleicht sogar das kulturelle Kapital dieser Bilder – nämlich einmal die Sexualisierung eines Mediums: Menschen, zumeist Frauen, teilweise nackt, posieren hier mit indifferenten Gesichtsausdrücken, ein Mantel von hellblauen 80iger-Jahre-Badezimmer-Kacheln um ihre Schultern – und sind “am Telefon”. Was Hillebrand da zugespielt bekommen hatte war darüber hinaus aber vor allem auch das: die Dokumentation einer aussterbenden Kulturpraxis und der dazugehörenden Geste: das Telefonieren.

Wie so oft sind es gerade die scheinbar unaufregenden Themen und Gegenstände unseres Lebens, die ein tiefes Fass an aufregenden Deutungsmöglichkeiten und -geschichten in sich bergen. Das Telefon wird beinah zum philosophischen Gegenstand in “Am Telefon”. Doch geht es nicht nur um den Apparat, es ist schließlich gerade auch dieser Ausstellungstitel-Zusatz, dieses “Geste und Fetisch”, das einen wundern lässt: wie jetzt, Telefon als Fetisch? In Zusammenhang mit Fetischen ist das Kommunikationsmedium bisher eigentlich eher als “Mittler” aufgetaucht, ein Werkzeug, mit dem der Fetischist die Handlung seiner Begierde, den Telefonsex, herbeiführt. Und hier plötzlich das Telefon als Gegenstand des Fetisch? Die von Lars Hillebrand kuratierte Ausstellung verschiebt und verkehrt, auch in der Bedeutung dessen, was hier als Fetisch verstanden werden kann. Kann er in diesem Kontext schon das “am Telefon” sein?, also die bloße Handlung, die Geste des Telefonierens oder geht es etwa doch um den Apparat, dessen Formgestalt in “Am Telefon” plötzlich so phallushaft daher kommt, dass man da durchaus durcheinander geraten kann.

Schon die Wortgeschichte des Fetisch ist erzählenswert. Viel rumgekommen ist er, der Begriff. Fetischismus hat etliche Zeiten, Religionen und Länder durchlebt, bevor er als ‘Mitbringsel’ der Kolonialgeschichte in Europa landete. In das Vokabular der Portugiesen ging das Wort als ‘feitiço’ ein und wurde dann von der französischen Sprache in ‘fétiche’ verwandelt, beides bedeutet so viel wie ‘Zauber’ oder ’Zaubermittel’. Dieser magischen Bedeutung stand das rationale ‘factīcius’ aus dem Lateinischen gegenüber, hier wurde Fetisch begriffen als ‘nachgemacht’, ‘künstlich’ oder ‘unecht’. Im Kontext der Ausstellung könnte man mit beiden Deutungsmöglichkeiten weitermachen. Wir können das Telefon durchaus als einen zauberhaften Gegenstand betrachten. Man braucht sich ja nur vorzustellen, wie, sagen wir im 16. Jahrhundert dem obersten Typ im Lande gesagt worden wäre “bald, oh bald, mein Herr, wird Ihre göttliche Stimme durch eine Hörmuschel in mein Ohre dringen” – man wäre für verrückt erklärt worden –und vermutlich geköpft. Zauberei! Die lateinische Deutung passt aber auch, denn in irgendeiner Form ‘künstlich’ ist die Kommunikation am Telefon ja auch, zumindest in ihrer Herstellung. Und jetzt? Weiter mit Karl Marx. Denn er war es, der den Fetisch-Begriff (mit all seiner Zweideutigkeit) zu Papier brachte, in einem religionskritischen Zeitungsartikel 1842. Doch erst durch ‘Das Kapital’ (Stichworte Geldfetisch, Warenfetischismus etc.) gut 20 Jahre später ebnete Marx dem Begriff Fetisch den Weg nach ‘draußen’, in den Diskurs der Ökonomie und der Gesellschaft bzw. Sozialanalyse. Doch so richtig salonfähig wurde der Begriff erst durch die Psychoanalyse. Ihr bekanntester Vertreter, Sigmund Freud war der erste, der das Phänomen Fetischismus analytisch anging. 1927 studierte Freud nämlich eine Reihe von Fetischisten, unter ihnen einen Mann, der nach Freuds Aussage zu seinen merkwürdigsten Fällen zählte. Dieser hatte den “Glanz auf der Nase” zur fetischistischen Bedingung erhoben, was sich später als Übersetzungsfehler herauskristallisierte, da der Mann den ‘glance’ meinte, den Blick auf die Nase, also letztendlich die Nase. Trotzdem schön.

Im Ergebnis seiner Forschung präsentierte Freud den Fetisch als Antwort des Jungen auf (wen wundert’s) die Abwesenheit des Penis am mütterlichen Körper. Oder anders ausgedrückt, als Penisersatz. Insgesamt fand Freud aber, dass es ohne fetischistische Idealisierung des Objektes keine erotische Beziehung geben würde. Was ja auch irgendwie stimmt, wenn man mal darüber nachdenkt. Im heutigen und im alltäglichen Sprachgebrauch bleibt die Konnotation des Begriffs weiter offen. Der Fetisch kann eine Fixierung auf Objekte, auf bestimmte Körperteile oder Materialien bedeuten – er beinhaltet Vorlieben für spezielle Sexualpraktiken – er muss aber nicht sexuell konnotiert sein. Marken werden geradezu fetischistisch besetzt, Autos, Theorien und oft und gerne die Spiritualität oder Religion. Der Fetischismus scheint ein Nomade zu bleiben, er wandert durch Sparten, Wissenschaften, Szenen. Was die Kunstszene anbelangt, so scheint’s, landet er hier eher heimliche Auftritte. Offiziell und öffentlich ist der Fetisch im Kunstdiskurs jedenfalls nicht dabei. Und das, obwohl die Kunst an sich für viele Leute ja auch ein Fetisch ist. Wenn Fetische in der Kunst vorkommen, dann höchstens als Zitate oder als wiederkehrende Symbole (z.B. ‘Badezimmer’ in Stanley Kubrick Filmen). Ansonsten beschränkt sich Fetisch-Kunst zumeist auf Erotica-Fotografie, die oft in einer (New-)Burlesque-Ästhetik im Sinne von Dita von Teese daherkommt; also Tolle, Netzstrumphosen, Bondage, Lack, Leder etc. und natürlich die Entsprechung des Ganzen im Bewegtbild.

In “Am Telefon” wird der Fetisch irgendwie anders beleuchtet, er ist nicht so ‘leise’ zitiert wie in Filmen einiger bekannter Regisseure (auch interessant ist der Auto(unfall)-Fetisch von Cronenberg) aber er kommt auch nicht so plakativ daher, wie in den gängigen Fetisch-Bildern. Trotzdem wissen wir bei den Fotografien in dieser Ausstellung nie genau, was der eigentliche Kern der Obsession ist. Ob es dem Fotografen/Sammler ums Telefon ging, oder um die Geste des Telefonierens, oder um ein Aufbrechen des Telefonierens, so wie wir (Jahrgänge <1990) es noch kennen? Das bedeutet, die mehr oder weniger “analoge” Kommunikation mit: Hörer vom Telefonapparat abnehmen, eine Nummer nach der nächsten in die Wählscheibe drehen (später dann tippen), das Erläuten eines Toncodes, das Warten bis sich der Ferngerufene meldet (mit Nachnamen!) –Schallwellen, die durch die Hörmuschel als Worte gefiltert im Ohr des Anrufenden ankommen. Telefonieren als Akt, als bewusste Entscheidung und Handlung aber auch als  eine räumliche Verortung. Denn “am” Telefon war hier lange Zeit ein relativ fester Platz, ein Radius, der bestimmt war durch die Länge des Kabels. Und so gab es nicht selten sogar einen festen Telefonsitzplatz (oft in der Nähe der Garderobe), und in besonders absurden Fällen kam das Telefon sogar bekleidet (floral mit gold’ner Borte) daher. Wie auch immer, dem Künstler/Sammler schien das Telefon enorm wichtig zu sein, deswegen noch ein letzter Exkurs in die Richtung der Apparatur.

Wie jedes andere Medium hat auch der Telefonapparat philosophische Überlegungen, gar ‘Philosophien des Telefons’ hervorgebracht. Etliche Philosophen/Kulturkritiker/ Denker haben sich mit dem Telefon und dem Akt des Telefonierens beschäftigt, sowohl zu der Zeit, als sich das Telefon gerade erst zum festen Inventar eines guten Haushaltes etablierte, hin zur “Jetzt”-Zeit, da man nicht mehr an die Schnur gefesselt ist, damit aus dem einst festgeschriebnen Telefon-Radius ausbrechen und sich stehend, sitzend, pinkelnd, liegend, Essen kochend, aufwachend usw. jederzeit und von jedem Ort aus im Haus unterhalten kann. Und ausserhalb des Hauses natürlich auch.

Bevor wir uns telefonisch dahin entwickelt haben, wo wir heute stehen, sah der kanadische Philosoph Marshall McLuhan Medien als “Ausweitungen unseres Körpers in den Raum hinaus” ann(1960er). Dabei beschränkte sich McLuhan nicht auf den Körper allein, sondern bezog vielmehr das Nicht-Körperliche mit ein, d.h. dass auch unsere Sinne durch die Medien “ausgeweitet” würden. Das Telefon betrachtete McLuhan recht unromantisch, er fand, es sei “detailarm”, und überhaupt kategorisierte er es als “kühles” Medium, da es schließlich alle anderen Sinnesorgane ausklammere. Man könne beim Telefonieren nicht riechen, schmecken oder fühlen. Der tschechische Medienphilosoph Vilém Flusser setzte sich mit dem Telefon anders auseinander, denn er bezog auch die dazugehörende Geste mit ein. Sein Buch “Gesten, Versuch einer Phänomenologie” enthält dann tatsächlich auch das Kapitel “Die Geste des Telefonierens”. Obwohl er dem Telefon einen “archaischen und paläotechnischen (altertümlichen) Charakter” zuschrieb, betrachtete Flusser das Telefon als ein dialektisches Medium, eines, das zugleich vereinte und trennte. Flusser fand, die Funktion des Telefons könne nur aus ihren zwei gegensätzlichen Seiten betrachtet werden: die des Anrufers und die des Angerufenen. Denn in diesen Blickwinkeln lagen für Flusser zwei völlig unterschiedliche Phänomene vor. So gelte seitens des Anrufers das Telefon vornehmlich als Werkzeug, mit dessen Hilfe eine dialogische Kommunikation herbeigeführt werden könne. Für den Angerufenen hingegen sei das Telefonat, der Anruf, ein Eindringen in die eigene Lebenswelt. Nach Flussers Ansicht würde im Zuge des Telefonierens nicht nur Kommunikation produziert, vielmehr ginge es auch um Freiheit(sgrenzen): das Telefonat als Machtgefälle zwischen Anrufer/Angerufenem. Macht? Macht am Telefon? Da wandert das Gehirn gleich wieder in die Fetisch-Abteilung und die nackten Frauen am Hörer. Dieses am Hörer bzw. Telefon sein wurde übrigens von Flusser als die besondere Eigenart der telefonischen Kommunikation, als ‘die Geste’, quasi entdeckt. Zumindest hat er als erster formuliert, dass die technische Struktur des Telefonierens eine Geste hat entstehen lassen, “die kein anderes dialogisches Medium gestattet: Man kann dem anderen das Wort abschneiden, indem man den Hörer auflegt.”

In “Am Telefon” wird nicht aufgelegt. Ob wirklich telefoniert wird oder nur posiert, wissen wir zwar nicht, aber die Menschen auf den Bildern sind definitiv dran. Am Telefon. Und das in zwei Kategorien: einmal ganz ‘normal’ – sprich sitzend oder stehend, Hörer in der Hand, in die Kamera schauend oder an ihr vorbei. Man mag sich fast vorstellen, wie der unbekannte Künstler/Sammler jedes Mal, wenn Besuch vor der Tür stand, seine Gäste um die Geste am Telefon und ein Lichtbild gebeten hat, bevor dann die ganze Familie rüber gegangen ist in das Kaffeezimmer, auf dessen Tisch schon der Streuselkuchen wartete. Mit der zweiten Sorte Ausstellungsbilder, den Aktszenen am Telefon, lässt sich eine ganz andere Geschichte erdenken, tauchen Fragen auf nach dem “wer sind oder waren diese Frauen”? Wurden sie gemietet, sich auszuziehen, waren es Fremde, Sexpartner, platonische Freunde? Und vor allem, was haben sie wohl gesagt? Die Ausstellung “Am Telefon. Geste und Fetisch” verrückt das Verhältnis, das man bisher zum Telefon und zum Telefonieren hatte. Da wir nie erfahren werden, was den anonymen Künstler wirklich angetrieben hat, bleibt auch ungeklärt, ob er überhaupt ein Er war, ob ein schräger Vogel, ein Kommunikationskritiker, ein Dokumentar, ein Telefon- oder Gestenfetischist. Vielleicht dreht es sich am Ende ja doch alles um die Kommunikation, um den unsicht(hör)baren “Dirty Talk” am Telefon, dieses leise ‘ja, hallo?’

Die Ausstellung “Am Telefon” läuft vom 1. – 23. Dezember 2012 im:

Nr.z.P., Große Kurfürsten Str. 81, in Bielefeld

https://www.nrzp.de

Geöffnet: FR/SA/SO von 16.00 bis 19.00 Uhr – und nach Vereinbarung

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