Angie Hiesl: Das Alltägliche aufsehenerregend gemacht



Stellt euch vor, ihr schlendert völlig arglos und unbedarft durch die Straßen der Stadt und werdet plötzlich von einem fröhlichen Pfeifen über eurem Kopf überrascht. Ihr blickt nach oben um zu sehen, wer da so frohen Mutes vor sich hin trällert und entdeckt einen älteren Herren, der auf einem weißen Stuhl an der Außenseite eines Gebäudes sitzend Zeitung liest als wäre das völlig normal. Es gibt wohl wenige Menschen auf dieser Welt, die bei diesem Anblick souverän aussehen.

Diese Situation klingt unrealistisch? Ist sie nicht, denn sie exakt das Szenario, das die in Köln lebende Künstlerin Angie Hiesl mit ihrem Projekt “x-mal Mensch Stuhl” herbeiführen will. Das Alltägliche wird zum Außergewöhnlichen. Auch mit den anderen Darstellern der Installation, allesamt betagtere Menschen aus Köln, Amsterdam, Aarhus oder Bogotá verhält es sich so: mit ihrem weißen Stuhl an den Wänden über den Köpfen der Passanten hängend vollführen sie ganz alltägliche Dinge wie Stricken, Wäsche falten oder Blumen gießen. Aufsehenerregend werden diese Aktionen erst durch den Ort, an dem sie stattfinden.

“x-mal Mensch Stuhl” ist eine bildnerisch-performative Installation im öffentlichen Raum, genauer an Häuserfassaden in Straßen und Plätzen im urbanen Raum. Der Inszenierungsort wird auf einer Höhe zwischen 3 und 7 Metern mit einem schlichten weißen Holzstuhl bestückt, auf dem die Protagonisten später ihre Tätigkeiten ausführen. Das Projekt wurde bisher in 28 Städten in 13 Ländern Europas und  Südamerikas mit insgesamt 89 Aufführungen gezeigt, u.a. in Rio de Janeiro, München, Hamburg, Barcelona, Fribourg, Aarhus, Poznan.

Die Regisseurin, Choreografin und Performance-Künstlerin Angie Hiesl war eine der ersten Choreografinnen in Deutschland, die  ihre interdisziplinären Projekte ausschließlich an kunstfremden Orten im urbanen Raum zeigt. Seit 1997 arbeitet sie dabei mit dem Regisseur und Choreografen Roland Kaiser, von dem auch die Bilder auf dieser Seite stammen, zusammen.

all images © Roland Kaiser

Kommentar schreiben