Carolin Weinkopf: Marokko



Beim letzten Mal fiel der Startschuss zu unserer fotografischen Reise durch die Welt von Carolin Weinkopf. Erste Station war Mazedonien, heute bewegen wir uns in etwas wärmere Gefilde. Marokko, gleichzeitig afrikanisches Tor nach Europa und Projektionsfläche für westliche Orientromantik. Carolin ist fünf Wochen lang durch das Land gereist und erzählt uns im Folgenden mehr. 

 

1. Zunächst einmal zur zeitlichen Einordnung: Wann und wie lange warst du in Marokko?

Ich bin genau vor einem Jahr in Marokko angekommen und war dann fast fünf Wochen dort. Im Gegensatz zu vielen anderen Reisen, die ich gemacht habe, war ich ich hier fast ausschließlich im Auftrag unterwegs – so dass ich klare Vorgaben hatte und nicht mich nicht wie sonst einfach treiben lassen konnte. Die Themen die ich fotografieren sollte, waren aber sehr weit gefächert. Mal war ich auf einer Müllkippe am nördlichsten Zipfel Marokkos, mal habe ich in einer Gerberei Tee getrunken, auf dem Feld mit Berberinnen Schafe gejagt oder in der Universität Studentinnen und in Büros Solarexperten fotografiert. Leider war mein Zeitplan so eng gesteckt, dass sich kein Thema wirklich vertiefen ließ.

2. Warst du an einem festen Ort oder bist du wieder durch das Land gereist?

Ich bin sehr viel herumgekommen, jedoch vor allem im Norden und bin aus logistischen Gründen jeden Tag in die Hauptstadt Rabat zurückgekehrt. Da die Organisation mich im Rahmen verschiedener Projekte gebucht hatte, die überall im Land verteilt waren, war das wohl nicht anders möglich. Ich war zwar an vielen Orten in Marokko, aber ich hätte gerne mehr gesehen und an vielen Ort wäre ich gern länger geblieben.

3. Marokko gilt als ein Land zwischen Moderne und orientalischer Tradition, welches Bild war für dich vor Ort das Vorherrschende?

Ich fand das Land schon relativ modern. Nicht modern im westlichen Sinne, aber das macht ja gerade den Reiz aus. Natürlich ist Marokko arm und vieles funktioniert noch nicht, ich finde aber das im ganzen Land eine gewisse Aufbrauchstimmung zu spüren ist, die Menschen möchten etwas verändern und dadurch kommt der Wandel in Gang. Das Land ist an der Schwelle zum Wirtschaftsaufschwung, die Bildung ist besser geworden, die Infrastruktur.

Die “orientalische Tradition” habe ich eher als Kulisse für die Unmengen an Touristen gesehen, die sich in Bussen durch das Land zwängen. Natürlich hat auch die ihren Reiz, aber ich kann mit diesen Kulissen nicht viel anfangen und fühle mich immer gleich unwohl. Im kleinen habe ich sie gesehen, während der Teezeremonie in einer Gerberei zum Beispiel, oder beim Abgeschrubbeltwerden im Hamam… das war wunderbar. 

4. Das Land hat trotz seiner unmittelbaren Nähe zu Europa noch mit sehr rückständigen Problemen wie mangelhafter Gleichberechtigung, Folterstrafe, Korruption und religiöser Radikalität zu kämpfen. Hast du von diesen Problemen in der Zeit, in der du dort warst, etwas mitbekommen? Wurde dir das Fotografieren beispielsweise mancherorts verboten?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir irgendwo das fotografieren verboten worden wäre, außer an strategischen Orten und Flughäfen, aber das ist überall auf der Welt so. Ansonsten war es wohl manchmal eine gewisse Selbstzensur. Ich war größtenteils allein unterwegs als Frau, in einem Land in dem das sehr selten gesehen wird und alles andere als selbstverständlich ist – wie oft wurde ich gefragt, wo ich denn meinen Ehemann verloren hätte. Zudem sieht man mir ja auch nicht an, dass ich Fotografin bin. Die meisten Leute haben mich für eine alleinreisende Touristin gehalten und das ist einem Land wie Marokko eben schon fast ein Skandal.

Da ich leider nirgends wirklich bleiben und mich erklären konnte, sind nur wenige wirkliche Kontakte und somit auch kaum intime Momente entstanden. Darüber bin ich sehr traurig und das hat meine Zeit in Marokko etwas eingetrübt. Normalerweise reise ich, um Kontakte zur Bevölkerung zu knüpfen, mir von ihnen ihr Land zeigen und erklären zu lassen. In Marokko blieb für persönliche Gespräche kaum Zeit und ich konnte das Land fast gar nicht auf eigene Faust erkunden. 

Die einzigen Marokkaner mit denen ich viel Zeit verbracht habe waren die Fahrer der Organisation für die ich gearbeitet habe. Einige von Ihnen habe ich sehr ins Herz geschlossen und von Ihnen habe ich wohl auch am meisten über das Land und die Menschen erfahren. Natürlich waren die aber kein Querschnitt der Bevölkerung und sie waren alle männlich.

Mit marokkanischen Frauen in Kontakt zu kommen war hingegen schwieriger. Ihr Leben findet traditionell eher hinter den häuslichen Mauern statt, während die jüngeren und gebildeten Frauen größtenteils ziemlich tough sind, ihr Leben findet dann hauptsächlich hinter den Büromauern statt, und dort war ich nun auch nicht viel unterwegs. Geliebt habe ich aber die solidarischen und schmissigen Blicke, die mir so manche Frau unter ihrem Schleier zugeworfen hat. Die Frauen haben so viel Power, und auch wenn sie es nicht in der Öffentlichkeit tun: sie machen ihr Ding. 

Letztlich war mein größtes Problem in Marokko aber die Sprachbarriere. Mein Schulfranzösisch ist ziemlich eingerostet und der marokkanische Akzent im Französischen ist für jemanden wie mich dann noch zusätzlich schwer zu verstehen. Im Alltag spricht kaum jemand Englisch und zum Teil konnte ich wirklich nur mit Händen und Füßen und ein paar Brocken diletantischem (!) Arabisch kommunizieren. Ich glaube diese sprachliche Fessel war mein größtes Handicap in Marokko, ansonsten hätte ich das Land ganz anders erleben können. Für mich war es das erste Mal, dass ich in einem Land war, in dem ich mich nicht problemlos verständigen konnte und es hat mich unglaublich frustriert. Leider bin ich für die französische Sprache völlig unbegabt und habe es bis heute nicht geschafft, mein Französich zu verbessern. 

5. Marokko gilt als arm, aber politisch stabil. Dennoch begehrten Anfang 2011 nach einem Aufruf über Facebook Tausende gegen die Regierung von König Muhammad VI. und das politische System auf. Die Regierung musste daraufhin Zugeständnisse machen und politische Reformen auf den Weg bringen. Sind vor Ort noch Spuren des Arabischen Frühlings sichtbar oder hast du sogar während deines Aufenthalts etwas davon mitbekommen?

Ich habe immer wieder Demonstrationen in der Stadt gesehen, mir wurde jedoch von allen Seiten geraten mich strikt davon fernzuhalten. Wenn man im Auftrag arbeitet, muss man sich an gewisse Regeln halten, so ist das dann. Auch wenn in dem Land unter der Oberfläche sicherlich einiges brodelt, hatte ich aber insgesamt nie das Gefühl, dass dort Aufstand oder Revolution herrschte.

Die meisten Marokkaner sind ganz zufrieden mit ihrer Monarchie und ich denke dass der Arabische Frühling vor allem eine gewisse Dynamik ausgelöst hat, die dann zu den Aufständen führte. Als Folge der Demonstrationen gab es einige Verfassungsreformen. Natürlich habe ich viel zu wenig Ahnung von der Materie und hatte ja wie gesagt auch nicht die Chance, im Privaten über Politik zu sprechen, aber die Situation in Marokko scheint schon sehr viel stabiler als in vielen anderen Ländern der Region. 

6. Ein Teil deiner Bilder zeigt Kinder, die auf einer Müllhalde arbeiten und spielen. Kannst du uns die Hintergrundgeschichte zu diesen Bilder kurz schildern?

Diese Kinder sind dort tatsächlich freiwillig, weil sie mit dem Sortieren von Müll Geld verdienen können und dort aufgewachsen sind, das ist ihr Revier, hier sind ihre Freunde und hier haben sie ihre soziale Position. Viele internationale Organisationen versuchen, die Kids von den Müllkippen zu holen, weil sie dort ständig giftigen Dämpfen und Substanzen ausgesetzt sind, was zu schweren gesundheitlichen Problemen führt.

Die Organisationen sind dabei aber nur zum Teil erfolgreich – weil die Strukturen und die Routine in den Fabriken, die den Kids als Alternative aufgezeigt werden, nicht immer besser sind und sie häufig gar nicht von den Müllkippen wegwollen. Ich kann nach meinem kurzen Besuch dort aber beim besten Willen nicht beurteilen, wie man das Problem lösen kann. Immerhin gehen all diese Kinder inzwischen zur Schule.

Der Besuch auf der Müllkippe hat mich sehr berührt. Der Gestank war unerträglich, überall brannte Müll, scharfer Wind hat einem Müllpartikel, Rauch und Schmutz in die Augen geweht… dazwischen flogen Unmengen von Störchen und kleinerer Vögel, am Boden Kühe, Schafe, Hunde… und immer wenn ein Müllwagen den Berg hinauf kam und seine Last abgeladen hat, kam eine Horde von Kindern und Erwachsenen dazu, um alles noch verwertbare aus dem stinkenden Molloch herauszufischen. Ich war fassungslos und fasziniert zugleich, die Menschen dort waren ziemlich irritiert, dass ich nicht sofort wieder abgehauen bin, aber sie waren sehr freundlich und haben mich ziemlich nah an sich herangelassen.

7. Hattest du bei einem deiner Ausflüge in die Wüste die Gelegenheit auf einem Kamel zu reiten oder wart ihr ausschließlich mit dem Auto unterwegs?

Ich habe gar keine Ausflüge in die Wüste gemacht. Der südlichste Punkt an dem ich war, das war Essaouira, eine Küstenstadt im Westen von Marokko, und da fängt die Wüste noch gar nicht richtig an. Als wir in der Umgebung Bilder eines Windparks gemacht haben, wurde uns aber von ein paar wirklich hübschen Kamelen der Weg abgeschnitten, in dem sie sehr gemütlich über die Straße getrottet sind. Geritten bin ich aber nicht, dafür hätte ich sicher irgendeine Touristentour buchen müssen, und gegen so etwas sträube ich mich immer, zumal ich auch gar keine Zeit für so etwas hatte. Ich bin aber froh ein paar wilde Kamele gesehen zu haben. Ein magischer Moment. 

8. Eine abschließende Frage: Hat es dir in Marokko, einmal abgeshen von den Schattenseiten, gefallen und würdest du gerne wieder dorthin reisen?

Mein Eindruck von Marokko ist bis heute sehr fragmentarisch und verwirrend. Irgendwie bin ich mir noch immer nicht ganz sicher, ob es mir dort gefallen hat oder nicht. Ich würde die Reise nicht missen wollen und ich habe viele wunderbare Menschen kennengelernt. Insgesamt habe ich aber dort auf allen Ebenen nicht viel verstanden, da die Kommunikation so schwierig war und mir die Zeit fehlte, mich auf die Menschen einzulassen… Ich habe mich, obwohl ich mir wirklich große Mühe gegeben habe mich gegen diese Gefühle zu sträuben, nicht selten unwohl gefühlt, insbesondere in der Rolle als Fremde und als Frau – was mir vorher noch nie passiert war.Marokko ist aber dennoch ein wunderschönes, faszinierendes Land, das gewisse Sehnsüchte in uns Europäern weckt. Leider ist diese Assoziation zur Orientalromantik wohl auch einer der Gründe, dass man dort als Fremder insbesondere in den Touristengebieten mit einem gewissem Argwohn betrachtet wird.

Ich bin mir sicher dass ich nicht das letzte Mal marokkanischen Boden unter den Füßen hatte, aber es ist keines der Ziele, die auf meiner Liste weit oben stehen. Das war aber auch schon vor meiner Reise so – mich zieht es eher in die Berge als in die Wüste. Jedem der nach Marokko fährt empfehle ich, sich nicht lange in den Touristenstädten an der Küste aufzuhalten, sondern die Nationalparks im Atlas zu erkunden. Hier sind die Menschen Fremden gegenüber viel aufgeschlossener, weil sie ihnen noch nicht überdrüssig sind und die Landschaften sind atemberaubend.

Als ich hier stundenlang durch die Berge und Täler gefahren bin, hatte ich endlich das Gefühl angekommen zu sein, auch wenn das Bild so gar nicht dem auf den marokkanischen Postkarten entsprach. Hätte mir hier jemand noch eine Spritze gegeben, die mir bessere Französischkenntnisse eingeflöst hätte – vielleicht hätte ich das Land plötzlich geliebt. 

all images © Carolin Weinkopf

 

 

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