Vergangene Woche haben wir sie vorgestellt und euch schon einmal einen kleinen Einblick in ihr großartiges Portfolio gegeben. Heute fällt der Startschuss unserer fotografischen Reise durch die Welt von Carolin Weinkopf. Den Anfang macht Mazedonien, gleichzeitig ihr erstes fremdes Ziel und der Anfang all dessen, was sie heute macht. Nämlich mehrere Monate im Jahr um die Welt reisen und mit ihrer Kamera alles festzuhalten, was ihr Interesse auf sich zieht. Aber anstatt nun viele Worte zu verlieren, wollen wir sie lieber selbst von diesem Projekt und den Reisen nach Mazedonien erzählen lassen.
1. Mazedonien – ein eher unkonventionelles Reiseziel. Was hat dich dazu bewogen, die Reise ausgerechnet dorthin anzutreten?
Mazedonien, das war zunächst die Übersetzung eines Drehbuchs zu einem Dokumentarfilm, während des Emailverkehrs wurde dann der Regisseur auf meine Bilder aufmerksam und fragte mich, ob ich nicht zum Dreh mitkommen wolle. So wurde ich Setfotografin und verliebte mich augenblicklich in Land und Leute – das war im Herbst 2009.
Seither kehre ich immer wieder zurück, habe Stipendien und Sponsoring für dieses Projekt erhalten und sehe es noch lange nicht als abgeschlossen, auch wenn es inzwischen auch schon mehrfach ausgestellt wurde. Mazedonien war mein erstes fremdes Ziel, der wirkliche Anfang von dem, was ich jetzt mache. Das macht es auch zu etwas ganz besonderem. Ich bin in den letzten Jahren um die halbe Welt gereist, war in so vielen verschiedenen, sehr fremden Ländern. Aber Mazedonien ist so eine Art zu Hause für mich, hier möchte ich immer wieder hin. Das Land gibt mir eine Geborgenheit, die auch eine Sicherheit ist. Ich liebe die gesunde Balance zwischen Neugier und Schüchternheit. Und ich habe hier Freunde fürs Leben gefunden. Es ist mehr geworden als nur ein kleines Langzeitprojekt, es steckt so viel Herzblut und Liebe darin. Jeder Mazedone würde sofort bestätigen, dass ich inzwischen deutlich mehr vom Land gesehen habe als er selbst. An die spannendsten Orte kehre ich regelmäßig zurück.
2. Wie lange warst du im Land? Bist du herumgereist oder hast du dich hauptsächlich rund um die Hauptstadt Skopje aufgehalten?
Im Frühjahr diesen Jahres war ich das vierte Mal in Mazedonien. Es war meine bisher kürzeste Reise, eigentlich nur eine Stipvisite bei meinen Freunden – eine Woche in Skopje, mit kurzen Trips nach Ostmazedonien und in den Norden, damals hatte ich gerade erfahren dass ich schwanger bin und war viel zu durcheinander um wirklich zu arbeiten.
2009 und 2010 war ich insgesamt über zehn Wochen dort und bin hauptsächlich herumgereist, mit dem alten PKW eines Freundes, im Zug, zu Fuß, auf dem Esel, im Bus… Dabei habe ich nie einen Plan und lasse mich einfach treiben. Die besten Situationen ergeben sich durch Zufall und das Land hat landschaftlich und kulturell so viel zu bieten. Damit meine ich aber nicht die hunderte Kirchen und Klöster im Land, auf die die Mazedonen selbst besonders stolz sind.
3. Mazedonien gehörte vormals zum sozialistischen Jugoslawien und ist erst seit 1991 unabhängig. Die Transformation zu einem stabilen, erfolgreich wirtschaftenden Staat hat das Land nie ganz geschafft, es zählt zu den schwächsten Volkswirtschaften Europas. Wie hat sich das vor Ort geäußert?
Ganz stark, Mazedonien ist wirklich ein sehr armes Land, und das sieht und spürt man an jeder Straßenecke. Skopje selbst ist viel stärker als z.B. Berlin eine Stadt der Kontraste. Ein paar wunderschöne verfallende Häuser grenzen an seltsam futuristisch-monumentale Jugo-Architektur und die typischen sozialistischen Plattenbauten, daneben entstehen seit Jahren immer mehr Fertighäuser, die aussehen wie in deutschen oder amerikanischen Vorstadtsiedlungen, an den Stadträndern hingegen gibt es richtige Slums.
Die Regierung baut in Skopje neuerdings das alte, das heroische Mazedonien der Vergangenheit wieder auf, Heldenstatuen schießen aus dem Boden und große öffentliche Bauten im neoklassizistischen Stil erinnern ein bisschen an Disneyland. Ich finde das nicht schön und politisch wie kulturell durchaus fragwürdig, aber spannend und jedes Mal wenn ich wiederkomme muss ich mich völlig neu orientieren. Die Geschwindigkeit mit der der scheinbare Wandel hier von statten geht, ist wirklich schwindelerregend.
Hinter den Fassaden stecken viele Mazedonen aber in einem tiefen Konflikt zwischen Tradition und Moderne, der, wenn man genau hinschaut, überall sichtbar wird und der eigentliche Grund für die meisten Probleme ist. Obwohl mein Projekt in keiner Weise politisch ist und es auch nicht sein will, ist dieser Wandel ein Hauptthema meiner Bilder. Er schimmert immer wieder durch.
Fährt man von Skopje raus aufs Land, kann es schnell passieren, dass man sich in einer archaischen Landschaft wiederfindet, in der es außer einer Stromleitung, einem alten Fernseher und ein paar alten schrottreifen Autos nicht viel “Modernes” gibt. Abgeschieden durch unasphaltierte Straßen leben dort Menschen im Prinzip wie vor 100 Jahren, füttern ihr Vieh und gehen aufs Feld um zu ernten. Diese Dörfer mutieren aber immer mehr zu Geisterstädten, weil die jungen Leute entweder nach Skopje oder ins Ausland fliehen.
Das ist wohl ohnehin das allergrößte Problem von Mazedonien: der Braindrain. Auch viele meiner eigenen Freunde leben nicht mehr dort, weil das Land zwar Potential hat, aber nicht genügend Chancen bietet. Eigentlich möchten alle dort bleiben und das Land voran treiben – aber wer dann ein Stipendium oder eine Jobchance im Ausland hat, der ist eben doch leider ganz schnell weg.
4. Deine Serie enthält auch einige Bilder, auf denen Menschen aus nächster Nähe zu sehen sind. Wie haben die Menschen dich und deine Kamera wahrgenommen?Eher abweisend, oder doch offen? War es schwer zu vermitteln, weswegen du hier bist?
Es gibt keinen Grund, weswegen ich dort war. Diesen Menschen bin ich ohne Zwang begegnet, manchmal kamen sie zu mir und manchmal kam ich zu ihnen. Die meisten von Ihnen habe ich nicht nur einfach porträtiert, sondern ich habe lange mit Ihnen gesprochen (oder zumindest mit Händen und Füßen kommuniziert), mir ihr Haus und ihr Leben angeschaut, ihren Kaffee, die Äpfel aus ihrem Garten, den selbstgemachten Käse – und viel zu häufig auch den selbstgebrannten Schnaps – gekostet. Mal habe ich bei den Menschen übernachtet, mal haben wir ihrem liegengebliebenen Traktor Starthilfe gegeben, mal sind wir tagelang gemeinsam gereist…
Für mich ist das nicht nur ein fotografisches, sondern ein Herzensprojekt. Nichts habe ich ausschließlich für ein bestimmtes Bild gemacht und häufig blieb die Kamera auch aus, weil der Moment zu intim war, um ihn zu “zerschießen”. Die Mazedonen lassen sich aber insgesamt wunderbar fotografieren, weil sie unvoreingenommen, neugierig und freundlich sind. Dazu gehört aber auch Respekt vor diesen Menschen und eine gewisse Empathie. Was wohl immer wieder schwer zu vermitteln ist, das ist mein Interesse am Land. Die Mazedonen verstehen gar nicht, warum dieses seltsame deutsche Mädchen immer wieder kommt.
5. Eines der beeindruckendsten Fotos deiner Serie zeigt zwei in schwarz gekleidete Mönche in einer Art Höhle. Würdest du uns verraten, wie es zu diesem Bild kam?
Ich möchte nicht zu viel über dieses Bild erzählen und es auch nicht zu sehr in den Mittelpunkt gerückt wissen. Ich liebe dieses Foto, aber die orthodoxen Mönche sind sehr schüchtern und stehen nicht gern in der Öffentlichkeit. Ich war einige Tage in dem Kloster und die Zeit dort hat mich berührt und geprägt. In diesen Höhlen sollen sich vor über 1000 Jahren Eremiten auf die Suche nach Gott begeben haben, lange bevor auf dem Hügel ein Kloster errichtet wurde. Ich bin nicht religiös, aber diese Jungs haben mich schon ziemlich beeindruckt.
6. Bei einem Großteil deiner Bilder fällt der Gegensatz zwischen trübem, nebligen Regenwetter und vor heller Lebensfreude nur so strotzender Motive auf. Kann man aus diesem Gegensatz deinen Gesamteindruck von Mazedonien folgern?
Ich war einmal im Sommer in Mazedonien und habe es sehr bereut. Durch die Binnenlage des Landes wird es brütend heiß, kein Windchenen weht und die Luftfeuchtigkeit steigt ins unermessliche. Außerhalb der Berge kann man es dann kaum aushalten, es ist einfach viel zu heiß. Nach einer zweistündigen Busfahrt von Skopje an die Grenze zu Albanien, bei über 40°C Außentemperatur, ohne die Möglichkeit ein Fenster zu öffnen und neben Menschen, die der Reihe nach kollabiert sind, habe ich mir geschworen, nie wieder im Sommer herzukommen. Das ist aber nur ein Grund, warum das Wetter auf meinen Bildern eher trüb ist.
Grund Nummer zwei: In meinen Augen macht den Zauber Mazedoniens eine gewisse Melancholie und auch Nostalgie nach längst Vergangenem aus, aber dieses Gefühl wird immer wieder gebrochen von einem Augenzwinkern, einem Kinderlachen, einem fröhlichen Trinkspruch und dem wunderbaren Optimismus. Die Mazedonen sind Überlebenskünstler, haben aber ihre Identität nach über 20 Jahren Unabhängigkeit noch immer nicht gefunden. Dieser Prozess in all seinen Facetten ist das, was mich fasziniert und nicht mehr losgelassen hat an diesem Land und das spiegelt sich auch in den Stimmungen, im Wetter und in den Landschaften wieder. Bei Nebel ist Mazedonien ganz bei sich selbst. Das sehe ich so, ein echter Mazedone würde mir hier wohl kaum zustimmen, der mag ohne Sonne gar nicht leben, deswegen ist sie ja auch auf der Landesflagge abgebildet.
Mehr Bilder aus Mazedonien gibt es im Folgenden:
all images © Carolin Weinkopf

























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