

Die Südtiroler haben Prioritäten. Neben der vollkommenen Naturverbundenheit gibt es eine Sache, die ihnen besonders heilig ist: Genießen. Und mit Genuss meinen sie keine kubanische Zigarre oder ein heißes Rosenbad, wir meinen: Qualität, hochwertige Produkte und deren Wertschätzung – in jeder Hinsicht. Denn die Sehnsucht, die deutsche Großstädter gerne durch einen wöchentlichen Besuch im lokalen Bio-Markt stillen ist an der Südspitze der Alpen weit mehr. Es ist eine Philosophie, ganz ohne Biomärkte. Es mag an der italienischen Lebensweise liegen, an der üppigen Auswahl lokaler Produkte und einer landwirtschaftlichen Tradition.
Doch muss all das gehegt und gepflegt werden. Auch die Südtiroler Bauern und Winzer leiden unter der Globalisierung, müssen im harten Nahrungsmittelmarkt bestehen. Sie versuchen dieses Problem aus ihre Weise zu lösen: Die einen, die um die Qualität ihres Weines wissen, international gefragt sind, fair und umweltfreundlich produzieren, und die Legionäre, die ein traditionelles, gesundes Bewusstsein für regionale Nahrungsmittel an folgende Generation weitertragen möchten.
Zunächst machten wir uns auf den Weg nach Meran, einem 40.000 Einwohner Städtchen nahe Bozen. Mitten in der Einkaufszone eröffnete vor Kurzen der Genussmarkt. Denkt an den schönsten Markt eurer Stadt, addiert modernes Design, setzt ein Dach darüber und fertig ist ein Food und Non-Food Markt mit einzigartigem Konzept.



Alle angebotenen Produkte sind regional, saisonal, erschwinglich und können vor Ort verspeist werden. Günther Hölzl, einer der beiden Gründer des Flagship-Stores erklärt das Konzept wie folgt:
“Viele Südtiroler wissen gar nicht, was vor ihrer Haustür wächst und hergestellt wird. Durch große Supermärkte verlernen Kinder wann eine Frucht reif ist und zu welcher Jahreszeit ein Gemüse wächst. Wir holen die Erinnerung zurück.”
Folglich riechen die vier Wände des Marktes wie ein 18-Gänge Menü, wie 54 Biomärkte und 67 Bauerhöfe und mindestens 345 Käsereien. Günther servierte zum Gespräch einen Apfelsaft, der uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird. Präsentiert wie ein edler Wein, wollen die beiden Geschäftsmänner und Gourmets eine Lücke schließen und an genau diese Wertschätzung anknüpfen:
“Wir merken, dass im Lebensmittelbereich nichts so anerkannt ist wie der Wein. In der Vermarktung, der Prämierung und Kommunikation. Warum ist das so? Wenn wir Wein trinken, möchten wir dazu auch gut essen. Denn das eine ist nichts ohne das andere. Also versuchen wir zum Beispiel den Apfelsaft aus dem Schatten der Traube zu holen, ihn aufzuwerten durch Qualität, Etikett, Schulungen und Kommunikation. Von der Philosophie des Weines lässt sich eine Menge abschauen und gleichzeitig für weniger hochpreisige Lebensmittel eine Zukunft aufbauen. Das ist die Brücke zu unserem Konzept.”
Durch faire Preise versucht der Genussmarkt jedoch besonders seine Produkte einem breiten Publikum näher zu bringen.
Und wie so ein Ort nun mal ist, fingen wir an so einige spätabendliche Döner, glutamatgefüllte Asia Suppen und den Analog-Käse vom Aldi um die Ecke in Frage zu stellen. Wir kennen in Berlin gerade mal die Spreewaldgurke, das regionale Gourmet-Mekka: das Curry 36.
Grübelnd und mit reichlich schlechtem Gewissen tranken wir den letzten Tropfen des edlen Apfelsaftes und die Spurensuche begann. Eine Autostunde östlich von Meran liegt das Weindorf Tramin. Hier wachsen die mitunter besten Trauben der Welt. In Flaschen abgefüllt heißen sie Gewürztramin, der Vorzeige-Wein der Region. Kein Wunder, hier, an den Ausläufern der Alpen und Dolomiten scheint 300 beneidenswerte Tage im Jahr die Sonne. 300!
Um dieses Geschenk wissend, verstehen die Einheimischen nicht nur etwas von ihren Reben, sondern auch von deren Vermarktung. Wie ein Museum für moderne Kunst steht der Prunkbau der Kellerei Tramin in dem verschlafenen Dörfchen genauso deplatziert wie organisch, ist Camouflage und Provokation zugleich. Architekt Werner Tscholl thematisierte bewusst das Zusammenspiel von Vergangenheit und Zukunft: Holz trifft auf Eisen, Glas und Beton. Transparenz und Klarheit wechseln mit kühlem Dunkel. So saßen wir inmitten von Weinbergen, hatten förmlich eine 360-Grad-Sicht auf das Tal und zugleich das Gefühl als sei das Bauwerk selbst die Attraktion.



Verkaufsfläche, Büros und Produktionsstätten teilen sich das Areal. Die Kellerei Tramin, 1898 gegründet und somit eine der ältesten Kellereien in Südtirol, arbeitet heute mit 270 Produzenten, die respektvoll „Mitbesitzer” genannt werden, 230 Hektar Weinberge. Soweit so gut. Für jeden Kenner, Möchtegern-Kenner oder 1,59 Euro Tetra-Pack-Trinker wären die folgenden zwei Stunden wohl ähnlich interessant gewesen. Was der Unwissende sonst nur aus Reportagen kennt, wurde heute in einer persönlichen Tour von der Traubenernte, der Qualitätsprüfung bis hin zur Lagerung näher gebracht.
Besonders der kleine Ausflug in die gegenüber gelegenen Weinberge war für Großstädter wie uns ein Highlight. Hier pflücken keine unterbezahlten Arbeitskräfte aus Osteuropa die edlen Trauben, sondern gerne einmal die ganze Familie des Winzers. Von Hand wird ein Strang liebevoll von seiner Rebe getrennt, auf Reife und Insekten kontrolliert und vorsichtig in eine Schubkarre gelegt. Bei knallender Spätsommer-Sonne ist diese Arbeit nichts für Zartbesaitete.


Und was nehmen wir mit – außer einer Flasche Traminer Wein und einem leichten Sonnenbrand?
Berlin liegt nicht in den Alpen, der Kreuzberg hat weder Winzer noch Schafherden. Doch sollten wir uns der Tatsache bewusst sein, dass Essen nicht gleich Essen und Sättigung nicht gleich Genuss ist. Es zählt das wie und was wir genießen!
Es klingt einfacher als es is(s)t – jedoch unsere Kinder werden es danken.

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