Zum 70. Geburtstag Bob Dylans

Mein Vater mochte ihn nie, gehört hat er ihn auch nicht. Doch Moment, das stimmt so nicht. Diesen einen Song – „Hurricane“, das sagte er mir mal – den mochte er. Der lief immer zu später Stunde in seiner Stammkneipe. Das war Ende der 70er, die Lieblingskneipe war die Dorfschenke um die Ecke und sowohl das Lokal („Lustgarten“) als auch die Wirtin („Rosie“) trugen wunderbar klischeehafte Namen. Heute, zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, heißt keine Dorfkneipe mehr Lustgarten und keine Wirtin mehr Rosie, aber „Hurricane“ und sein Schöpfer sind so präsent wie eh und je. Eine Huldigung zum 70. Geburtstag Bob Dylans.

Ein Mann, viele Masken und tausend Geschichten. Dieser Tage liest man viel über den Mann, der am 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmermann in Duluth, Minnesota geboren wurde. Der junge Bob Dylan als Speerspitze der Folk- und Bürgerrechtsbewegung zu Beginn der großen Karriere in New York – „voice of a generation“ nannten sie ihn damals. Die entrückte Lichtgestalt Bob Dylan als Erfinder der modernen Rockmusik – „Judas“ nannten ihn dann einige. Man könnte meinen bei einer Person vom Kaliber Bob Dylans sei die Biographie bis ins letzte Detail kartographiert und ausbuchstabiert. Das stimmt aber nur zum Teil. Natürlich sind über ihn und sein Werk so viele Bücher geschrieben worden wie über keinen Zweiten. Bob Dylan ist der besterforschte Musiker der Gegenwart, er inspirierte sogar eine eigene Wissenschaft, die Dylanologie. Doch all das ist nur die halbe Wahrheit.

Man kann soviel über diesen Mann lesen wie man will, ein Rest Mysterium, ein Hauch der Unwirklichkeit bleibt. Ein bisschen erscheint Bob Dylan selbst wie die Postmoderne, die Epoche, deren Populärkultur er wie ebenfalls kaum ein Zweiter beeinflusste. Wie auch auf der Wirklichkeit scheint auf ihm ein Schleier zu liegen, der uns daran hindert das Echte, das Wahre an ihm zu fassen. Defragmentiert ist unsere Wahrnehmung von Dylan, er ist ein Mann der tausend Masken und Gestalten. Und am Ende erscheint alles bei ihm wie ein Zitat, zunächst Zitate aus dem großen Topf der Sagen und Mythen, den wir amerikanische Geschichte nennen, später das Selbstzitat, getrieben bis zur Selbstauflösung. Bob Dylans Autobiographie Chronicles Volume One erzählt ein Leben in zusammenhangslosen Bruchstücken. Und als die Gegenkultur Ende der 60er ihren Zenit erreichte, war Bob Dylan, einer ihrer Mitbegründer und geistigen Väter verschwunden. Verschwunden nach Nashville ins kommerzielle Herz der amerikanischen Musiklandschaft, um eine fast schon reaktionäre Country Platte aufzunehmen. Verschwunden auch von seinem Album Self Portrait aus dem Jahre 1970, dessen erster Song, der einzige in Dylans Karriere ist auf dem seine Stimme fernbleibt. He’s not there.

So politisch er zu Beginn seiner Karriere gelesen wurde, so revolutionär sein Griff zur elektrischen Gitarre 1965 war, so persönlich waren seine Songs später in den 70ern, ein Zeitraum überaus kreativen Schaffens, der heute leider oft nicht die verdiente Aufmerksamkeit erfährt. Schwierig ist es, im Tanz der tausend Masken den Überblick zu bewahren und einfach ist es, Bob Dylan auf seine ganz großen Werke zu reduzieren. Der Künstler Dylan, der Dylan, der immer schon weg war, immer schon einen Schritt voraus, der ewige Avantgardist, der erschließt sich erst im Blick auf das Gesamtwerk. Ob Country in Nashville oder die mit Selbstmystifizierung aufgeladene Konversion zum Christentum, Erwartungshaltungen anderer waren nie ein Maßstab in Bob Dylans Leben. Aus diesem Grund ist auch die Kritik bezüglich seiner Konzerte in China unangemessen und unangebracht. Es gibt nichts zu erwarten von Bob Dylan, doch wenn man ihm über die Jahre treu zuhört, dann hört man den größten Musiker und einen der größten Künstler unserer Zeit, der im alles überspannenden Kunstgriff so vergänglich, so flüchtig und so zufällig ist wie die moderne Zeit selbst.

Er ist Viele und alle Wege führen zu ihm. Bob Dylan ist heute eng mit der Generation der Väter verknüpft. Dass er aber größer und wichtiger ist denn je, dass er sich nach so vielen Jahrzehnten dem Musik- und Popkulturinteressierten immer noch aufdrängt, sich ihm immer aufdrängen wird, das beweist der Werdegang des Autors zum Dylan-Enthusiasten trotz mangelnder musikalischer Sozialisation durch den Vater. Gedenken wir heute diesem Mann und seinem Werk, hören wir seine Platten und stoßen auf ihn an: Happy Birthday, Bob!

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