Born in the USSR – Nikita Pavlov im Portrait


„Now I have no idea how to get back to Europe.“ Die Webcam überträgt die Worte aus dem kleinen Schlafzimmer in der Nähe von St. Petersburg mit kaum spürbarer Verzögerung. Mein Gegenüber weicht dem starren Blick der Kamera aus, blickt zu Boden. Einen Augenblick später sehe ich wieder dieses schüchterne, jungenhafte Lächeln. Der Mensch hinter dem Lächeln heißt Nikita Pavlov und er ist der Kopf hinter der Band White Wishes.

Geboren wurde Nikita Evgenievich Pavlov am 5. April 1990 in Gatchina, 45 Kilometer südlich von St. Petersburg. Ein halbes Jahr zuvor war in Berlin die Mauer gefallen, der Osten befand sich im Umbruch, eine neue Zeitrechnung brach an. Auf Nikitas Geburtsurkunde ist sie noch vermerkt, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die Unterschiede zwischen Ost und West stellen seit jeher eine Determinante in Nikita Pavlovs Leben dar. Von seinen Eltern wurde er zum Europäer erzogen: „They taught me not to love my country in a way many Russians do.“ Das hat ihn geprägt. Der 21-Jährige kann nach eigenen Angaben mit der Kultur seines Heimatlandes wenig anfangen. Seinen ersten Wodka trank er in Berlin, was Alkohol im Allgemeinen betrifft ist er sehr wählerisch. Spricht man mit ihm über Russland, bezeichnet er seine Heimat ironisch als „Mother Russia“, der Gedanke an den drohenden Wehrdienst in der russischen Armee bereitet ihm Albträume. Hat man Nikita einmal gesehen, kann man sich nicht vorstellen, wie dieser schmächtige Junge seine Telecaster gegen ein Gewehr eintauschen soll. Doch die Wehrpflicht ist nicht das einzige Problem, das Nikita Pavlov im Moment beschäftigt. Sein Studium bereitet ihm durchaus mehr Sorgen.

2007 kehrte Nikita Russland den Rücken und zog nach Mikkeli in Finnland, was für ihn die einfachste Möglichkeit darstellte im Ausland zu studieren. Finnisch lernte der damals 17-Jährige wenig, seine Freizeit verbrachte der economics Student lieber auf dem Skateboard als im Sprachkurs. Ein verstauchter Knöchel brachte Nikita im April 2009 zur Gitarre. „It was summertime, no classes and I needed something to do. So I borrowed my friend’s electric guitar and started to teach myself.“ Als es um die Wahl des Studienortes für seine Auslandssemester ging, entschied sich der begeisterte Musikhörer schnell für Berlin: „Berlin is a big city and I thought: big city means lots of gigs.“ Innerhalb kürzester Zeit machte Nikita neue Bekanntschaften und verliebte sich in die Stadt.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Ort gefunden, an dem er bleiben wollte. Dieses Gefühl schlug sich auch musikalisch nieder. Zusammen mit seinem Kommilitonen Andrew Knox aus Sydney begann Nikita im Winter 2009 erste Songs zu schreiben. Der verträumte Sound und das verschneite Berlin inspirierten den Australier und er gab dem Projekt den Namen, den sein Freund noch heute verwendet: White Wishes. Doch die kreative Gemeinschaft der beiden endete bereits ein paar Monate später im Frühjahr 2010. Andrews Auslandssemester war vorbei, er kehrte zurück nach Sydney. Doch die beiden Freunde wussten ihre letzten gemeinsamen Tage zu nutzen. Immer wenn Andrew einen Weg aus dem Umzugskartonchaos fand, nahmen er und Nikita Songs auf. Andrew spielte Bass, Nikita übernahm Gitarre und Gesang, ein Drumcomputer erledigte den Rest. Ergebnis dieser produktiven Tage war die Maerz EP, die Nikita zum freien Download ins Netz stellte. Seit diesen Tagen ist White Wishes sein Projekt. „If Andrew was still there, we would be playing together. But I’m alone now.“

Im Spätsommer 2010 ging auch Nikitas Zeit in Deutschland ihrem Ende zu. Anstatt nach Finnland zurückzukehren und seinen Abschluss zu machen, entschied er sich dafür, sich um eine Praktikumsstelle in Berlin zu bewerben, die einzige Möglichkeit für ihn sein Visum verlängern zu lassen. Doch aus einem kurzen Besuch bei seinen Eltern in St. Petersburg wurde ein Daueraufenthalt. Keine von Nikitas Bewerbungen war erfolgreich, sein Visum lief ab, eine Rückkehr nach Berlin war auf unbestimmte Zeit unmöglich.

Aber das Glück hatte den Jungen aus St. Petersburg nicht vollends verlassen: Eines Morgens fand Nikita in seinem Emailpostfach eine knappe Nachricht des Labels Shelflife, in der die Amerikaner Interesse an einer Veröffentlichung bekundeten. Glücklicherweise hatte Nikita gerade die Aufnahmen zu seiner zweiten EP Today beendet, die umgehend gemischt und auf der Labelseite zum Download angeboten wurde. Mit der Veröffentlichung eines zweiten Songpakets hatte Nikita mit seinem Dreampop Hörer auf der ganzen Welt gefunden, ohne auch nur ein einziges Mal auf der Bühne gestanden zu haben.

Das Bild, das die Webcam überträgt, ruckelt und bleibt schließlich hängen. „Hang on, please“, höre ich Nikita sagen. Ein paar Sekunden später sehe ich wieder dieses jungenhafte Grinsen vor mir.  Viel erlebt hat er in den letzten Monaten, ein Grund mehr zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Spricht man heute mit Nikita, sagt er Sätze wie „I’ve grown a lot in the past six months. You can hear it in the music. I feel more mature.“ und „In Russia you’ve got to learn your lessons. And when I’ve learned my lessons, I’ll get out of here.“ Ein Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Das ist eine Binsenweisheit, aber sie trifft auf Nikita Pavlov zu. Für den Moment hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Tagsüber arbeitet Nikita als Praktikant bei einem Hersteller für ökologisch verträgliche Werbetafeln aus Karton. Nach Feierabend werkelt er an neuen Songs. In zwei Monaten soll sein erster physischer Tonträger auf Shelflife veröffentlicht werden: die 7“ Single Come and Say Hello. Für ein Album fühlt sich der 21-Jährige übrigens noch nicht bereit: „I still have to grow a bit.“ Auch Die Live-Umsetzung der Songs bereitet dem Ein-Mann-Projekt White Wishes Probleme. Der bisher einzige Auftritt fand im Vorprogramm der befreundeten russischen Band Motorama statt, vor immerhin mehr als 400 Zuschauern. Wo und wann er seinen Abschluss machen wird, weiß Nikita nicht. Und auch wann er wieder nach Berlin zurückkehren darf, steht in den Sternen. Für seine musikalische Zukunft formuliert er hingegen ehrgeizige Ziele: „I want my 7“ to be on Pitchfork!“


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