Facebook in Zeiten der Katastrophe: Chronik eines Nachbebens

Dieses Beben hat eine gewaltige Lawine ausgelöst. Eine Lawine des Leids, der Panik, der Ratlosigkeit. Mein Facebook-Newsfeed steht seit dem furchtbaren Erdbeben in Japan nicht still. Ich konnte mich noch nie zuvor so wenig in die Lage meiner Freunde in Tokio hineinversetzen wie jetzt, nach dem Jahrhundertbeben. Trotzdem habe ich selten so intensiv an ihrem Leben teilgehabt, seit ich die Stadt verlassen habe. Denn parallel zur Katastrophe entfaltet sich in meinem Social Network ein nicht minder gewaltiges Schauspiel, eines, wie es in seiner Stärke wohl nur durch dieses monumentale 8.9-Punkte-Rütteln zutage gefördert werden konnte. Meine personalisierte, digitalisierte Chronik der Panik.

Kurz nach dem Beben hastige Kontaktaufnahme. „Grade aus dem Office evakuiert. Sind alle ok?“ „Shit! Hat es bei euch auch so gebebt?“ und wie ein Echo darauf unzählige Statusmeldungen meiner Freunde und Bekannten aus Tokio, die berichten, dass sie wohlauf sind.

Dann wird es Abend in der lahmgelegten Megapolis, und die Schar der Pendler muss nach Hause, zu Fuß in die etliche Kilometer entfernten Vororte. „Fünf Stunden! Endlich daheim.“ „Warum habe ich ausgerechnet heute meine neuen High-Heels an. Laufen geht gar nicht. Wie komme ich nach Hause?“ „Mein Vater ist heute den ganzen Marathon gelaufen. Endlich ist unsere Familie vereint.“ Minutengenau erlebe ich mit, wie meine Freunde sich fühlen, wo sie gerade sind, ob sie in ihrem eigenen Bett schlafen können.

Und dann, der drohende Supergau. Nach der ersten Meldung über Kühlprobleme im Atomkraftwerk Fukushima folgen immer neue Schreckensmeldungen um die von Erdbeben und Tsunami schwer beschädigten Reaktoren.

„Soll ich ausfliegen?“ „Ich sitze noch in Tokio fest!“ „Habe ein Last-Minute-Flugticket ergattert. Ihr solltet es auch alle heute noch versuchen!“. Die Ersten wollen schnell raus.

Und die Reaktion ihres Publikums von daheim folgt in Sekundenschnelle. „Bloß raus da!“, „Komm nach Hause!“, „Beeil dich!“, lauten die Antworten besorgter Angehöriger. Abflüge und Ankünfte werden noch gepostet, dann sind die Ersten verschwunden aus Land und Newsfeed. Es bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack. Nicht, weil sie gegangen sind. Für die, die Lebensmittelpunkt und Familie im Ausland haben, ist es einfach, zu gehen. Es ist nur allzu nachvollziehbar, warum sie sich die Gelegenheit entgehen lassen, Kernschmelze live zu erleben. Doch würden diese Leute zum Beispiel ihrem japanischen Kollegen, dessen Elternhaus von der Flut hinweggespült wurde, eine E-mail schreiben oder ihn anrufen, um ihm mitzuteilen, dass sie aus seinem Land ausreisen? Das fänden sie sehr wahrscheinlich unangemessen. Doch dass ihr Facebook-Status eben nicht nur besorgte Verwandte und Gleichgesinnte erreicht, das wird inmitten der eigenen Panik nicht bedacht.

Nicht jeder kann und will gleich die Flucht ergreifen. Die Zurückgebliebenen sind nicht minder panisch als die Flüchtlinge, doch sie müssen sich irgendwie mit der Lage arrangieren.

Mit einer Lage, dessen akute Gefahr sehr schwer einzuschätzen ist. Meine Kontakte in Tokio verfolgen die Pressekonferenzen japanischer Politiker ebenso wie BBC News, CNN oder die Tagesschau. Die Lage verändert sich stündlich, die Medien widersprechen sich, Experten und „Experten“ treffen unterschiedliche Prognosen. „Ich weiß nicht mehr, woran ich glauben soll.“ „Welcher Nachrichtenquelle kann ich vertrauen?“ „Was tut ihr? Bleibt ihr, geht ihr? Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Viele resignieren angesichts der Informationsüberflutung und füttern ihre Status-Updates mit ihrer Ratlosigkeit.

Die Hauptakteure meines Newsfeeds sind nun die, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Nachrichten für ihre Leserschaft zu selektieren und die Lage zu analysieren. In kurzen Abständen posten sie Links zu Nachrichtenartikeln, Analysen, Erklärungen. Dankbar greift das Publikum diese durch den Filter „Freund“ gelaufenen Versionen der Nachrichtenflut auf und überlässt die Recherche dem Filterfreund ihres Vertrauens. „Ich glaube diesem Bericht auch nicht.“ „Ich hoffe sehr, was du hier sagst, stimmt!“ „Danke für die Berichterstattung.“ Hoffen, Glauben, Dankbarkeit, daran klammert man sich. Ich auch.

Auch ich checke morgens meinen Facebook-Newsfeed vor den diversen Nachrichtenseiten. Auch ich habe einen Nachrichtenlieferanten meines Vertrauens, und ich bin all denen, die ihre Zeit inmitten von Energiekürzungen, kontaminiertem Spinat und Schreckensmeldungen investieren, um uns zu informieren, zutiefst dankbar. Ich resigniere vor der Nachrichtenflut und all dem, was ich über Atomkraftwerke verstehen müsste, um den Expertenanalysen auch nur annähernd folgen zu können. Ich bin froh, mich von meinem personalisierten Kommentator leiten zu lassen, ihm blind zu folgen und mich informiert zu fühlen. Doch viele Kommentatoren, viele Meinungen. Und viele Gemütszustände.

Ein Typ Filterfreund folgt in seiner Berichterstattung einem Schema, das man in der Sozialpsychologie Bestätigungsfehler (confirmation bias) nennt. Es beschreibt die Tendenz des Menschen, Informationen so auszuwählen, dass sie mit den eigenen Erwartungen übereinstimmen. Wer sucht, der findet, und wer in heller Panik ist, findet dieser Tage genügend reißerische Zeitungsartikel, um seinen Facebook-Status regelmäßig zu füttern – und zum Botschafter des Schreckens zu werden. Und das Publikum in meinem Social Network, wie auch jedes andere, liebt das Drama.

Auf dem anderen Ende der Skala befinden sich die Filterfreunde, die mit wissenschaftlicher Akribie recherchieren, Links zu langen, komplizierten Artikeln posten. Die wollen, dass alle Betroffenen sich umfassendes Wissen über die Lage aneignen, um die Situation eigenständig und objektiv einzuschätzen. Die geradezu besessen davon sind, eine akkurate Risikoeinschätzung zu geben. Und die ihre Kommentare so sachlich halten, dass sie an vielen auf Panik programmierten Seelen (siehe Bestätigungsfehler) einfach vorbeigehen.

Welchem Filterfreund vertraue ich? Dem, der wohlüberlegte, aber einfach verständliche Kommentare postet. Und nur solche, die wirklich von Belang sind. Das ist der, der alles genau richtig macht -  allerdings, das ist nur meine Meinung. Und ich sehe aus den „Likes“ meiner Bekannten, dass jeder einen anderen Favoriten hat. Auch wir, das Publikum, sind vor dem Bestätigungsfehler nicht gefeit, und alle wählen sich denjenigen Kommentator aus, der ihre Erwartungen erfüllt. Das ist ja im Grunde wie mit den Medien. Darum gibt es BILD und FAZ. Nur, dass die Kommentare der Filterfreunde potentiell mehr Macht haben. Die Tatsache, dass es unsere Freunde sind, die uns mit Nachrichten versorgen, stärkt das Vertrauen und senkt die Vorsicht. Diese Macht der sozialen Netzwerke wird auch dadurch deutlich, dass Unternehmen Facebook nutzen, um ihre Produkte durch den Nutzer zu vermarkten. Wenn ein Freund den „Like“-Button unter einem Produkt klickt, dann schaut man es sich mit großer Wahrscheinlichkeit an. Wer darum in dieser Lage auf Facebook seine Meinung postet, trägt eine große Verantwortung.

Während immer neue Probleme bei der Rettung der Reaktoren auftauchen, die Opferzahlen im Norden Japans immer höher steigen und das Ausmaß der Zerstörung immer deutlicher wird, während sich westliche Medien und mein Newsfeed in heller Aufregung befinden, bleibt eine Gruppe ruhig und gesammelt. Viele westliche Medien berichten erstaunt, wie diszipliniert das japanische Volk mit der Katastrophe umgeht. Auch die Japaner posten auf Facebook und Twitter, doch wenn sie posten, dann haben ihre Beiträge oft ein anderes Thema.

„Werden die Kirschblüten dieses Jahr wohl auch so wunderschön sein?“ „Wenn man nach unten schaut, sieht man nur Trümmer. Aber der Sternenhimmel ist wunderschön!“

„Die Japaner“, das sind die, die am ersten Arbeitstag nach dem Beben zwei Stunden mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln, weil die Bahnen nicht fahren. Die, die das Beben in den stark schwankenden oberen Stockwerken eines Wolkenkratzers erlebt haben, traumatisiert sind und trotzdem jeden Morgen zitternd wieder in den Aufzug zu diesem Büro steigen. „Warum machst du dir eigentlich keine Sorgen?“ fragte ein Freund einen Doktoranden der Universität Tokio, dem Harvard Japans. „Ich vertraue den japanischen Ingenieuren.“ Ob diese Posts und Antworten alles widerspiegeln, was unter der wie immer höflich-undurchdringlichen Oberfläche versteckt ist, sei dahingestellt. Aber die Japaner haben entschieden, dass das ihre Art ist, mit der Katastrophe umzugehen.

Mittlerweile flacht die Panik ein wenig ab. Fukushima ist nicht Tschernobyl, und Tokio ist weit genug von der akuten Gefahrenzone entfernt. Die Lage ist zwar unsicher, aber das wird eine Weile so bleiben. Panik erschöpft, und während sie abnimmt, tritt unter ihr mehr und mehr die tiefe Trauer zutage, die wir alle empfinden. Mein Newsfeed dreht sich mehr und mehr um die vielen Opfer des Erbebens und wie die Überlebenden unterstützt werden können. Um die tiefe Bewunderung und Dankbarkeit, die gegenüber jenen empfunden wird, die ihr Leben riskieren, um die Kraftwerke zu retten. Es wird zu Spenden aufgerufen, Charity-Aktionen japanischer Künstler in Städten wie Berlin und Zürich werden beworben. Und Liebeserklärungen werden abgegeben an Japan, das verwundete Land, und an Tokio, das Herz dieses Landes, das im Moment ein wenig langsamer pocht. „Tokyo my love, wie geht es dir?“, „Mein Herz blutet, aber ich verlasse dich für eine Weile, Tokio.“

Obwohl ich mich weit weg von diesem geliebten Land befinde, fühle ich mich dem Geschehen ganz nahe. Unter anderem aufgrund von Facebook. Die letzten Wochen haben mir vor Augen geführt, wie mächtig dieses Netzwerk ist, mit all den Vorteilen und Risiken, die Macht in sich birgt. Auch das sagen die Medien seit Längerem. Aber ich habe sie nun persönlich erlebt, die Macht der personalisierten Emotionen.

 

 

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