Lars-Haucke Martens hat den Verein Schwules Blut e.V. gegründet. Mit ihm setzt er sich für sichere Blutspenden ein. Er fordert bei der Blutspendepraxis, die Ersetzung der Frage, mit wem Spender Sex haben, durch die Frage, wie sie Sex haben.
Voller Kraft fließt es in einem großen Kreis. Es ist Lebensretter und Lebensspender. Literweise speichert es einen Großteil unseres Handelns. Was habe ich gestern gegessen? Rauche oder trinke ich zu viel? Bin ich krank oder gesund? Es geht um unser Blut.
Im Skype-Video-Fenster taucht Lars-Haucke Martens auf. Ein dunkelhaariger Mann mit einem freundlichen Gesicht. Er erzählt angeregt und ist in der Gesprächssituation aufmerksam und konzentriert. Der sportliche Journalist erzählt mit einer klaren Aussprache und einer angenehmen Stimmlage von seiner Jugend. Er wächst im Raum Gütersloh auf, sammelt früh erste Erfahrungen als Reporter für das Lokalradio und interessiert sich seitdem besonders für soziale Themen. Als junger Mann geht er bereits regelmäßig Blut spenden und im Rahmen einer Reportage lässt er sich für die Knochenmarkspende registrieren um allen Zuhörern zu zeigen, wie einfach man Leben schenken kann. Er geht gerne zum Sport oder ins Kino, ist ein durchschnittlich guter Schüler und hat einen großen Gesprächssituation aufmerksam und konzentriert. Der sportliche Journalist erzählt mit einer klaren Aussprache und einer angenehmen Stimmlage von seiner Jugend. Er wächst im Raum Gütersloh auf, sammelt früh erste Erfahrungen als Reporter für das Lokalradio und interessiert sich seitdem besonders für soziale Themen. Als junger Mann geht er bereits regelmäßig Blut spenden und im Rahmen einer Reportage lässt er sich für die Knochenmarkspende registrieren um allen Zuhörern zu zeigen, wie einfach man Leben schenken kann. Er geht gerne zum Sport oder ins Kino, ist ein durchschnittlich guter Schüler und hat einen großen Freundeskreis. Nur eine Sache hat er damals noch nicht definiert: seine sexuelle Identität. „In meiner Pubertät merkte ich, dass ich mir in der Bravo nicht die nackten Mädchen, sondern viel lieber die Jungskörper ansehe. Dieses Gefühl habe ich immer verleugnet. Ich dachte dann manchmal, ne das kann doch nicht sein. Du willst ja nicht anders sein, als die Anderen.“ Zwischenzeitlich führt er eine Beziehung zu einer Frau. Er versucht es immer wieder, bis er mit 18 Jahren erste sexuelle Erfahrungen mit Männern macht. Nach Jahren des Hin und Hers ist er nun vollständig bei sich angekommen. Er ist schwul und lebt es seitdem aus.
Jahre nach seinem Coming Out erhält er einen Anruf von der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei. Er sei als Spender für eine kranke Person geeignet. Lars–Haucke Martens war die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Denn die Wahrscheinlichkeit einen passenden Spender zu finden, reicht laut der DKMS derzeit von eins zu 20.000 bis unter eins zu mehreren Millionen. Alles sollte stimmen, bis auf eine Sache – seine sexuelle Neigung. Denn Männer die mit Männern Sex haben, MSM genannt, werden als Risikogruppe von der Blut-, Plasma- und Knochenmarkspende ausgeschlossen. Beim Ausfüllen des Fragebogens, vor jeder Spende, stehen die Homosexuelle Männer in einer Reihe mit Prostituierten, Drogenabhängigen und ehemaligen Gefängnisinsassen. Der heute 29- Jährige gerät in einen Konflikt. „Auf der einen Seite stand da jemand der durch meine Spende ein neues Leben gewinnen konnte und auf der anderen Seite stand da meine eigene Identität, als offen schwul lebender Mann. Ich dachte, eigentlich willst du jetzt nicht lügen müssen, auf der anderen Seite willst du, wenn du einem anderem das Leben retten kannst, diese Chance nicht einfach abtun.“ Herr Martens, der gesund war, monogam in einer jahrelangen Partnerschaft lebte, lügt, kreuzt falsch an. Er sei nicht schwul. Dem Leukämiepatienten rettet er damit das Leben. Wenige Wochen später bei einem Blutspendetermin des Roten Kreuzes, entscheidet er sich jedoch erstmals anders. Nach der Blutspende nutzt er den sogenannten anonymen Selbstausschluss, er kreuzt an, dass sein Blut nicht weitergegeben werden darf und bekennt sich zu seiner Homosexualität. Er darf nie wieder spenden. Für den jungen Mann ein Schock. „Ich bin ein sehr lebensbejahender Mensch und es war fürchterlich. Nichts mehr machen zu können, für Menschen, die mein Blut möglicherweise gebrauchen könnten, war für mich so, wie jemanden offenen Auges in sein Grab laufen zu lassen.“
Diese Erfahrung treibt ihn an. Im Gespräch mit Freunden und Bekannten trifft er auf Verständnis. Dabei kreisen die Gespräche immer wieder um dieselben Fragen: Warum wird ein großer Teil der deutschen Bevölkerung von der Spende ausgeschlossen, wenn jedes Jahr Blut fehlt? Warum wird so einfach ausgegrenzt? „Es gibt ja durchaus auch Schwule, die schon länger keinen Sex mehr hatten. Oder welche, die im Gegensatz zu vielen Heterosexuellen konsequent und immer Safer-Sex haben. Warum sollte man die ausschließen? Warum sollte man da denn nicht jeden Spender fragen können, wann er das letzte Mal ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte?“ Seine Stimme hebt sich und er schüttelt fragend den Kopf. Dieses Risiko bleibt bestehen, das kann doch nicht sein, findet er und gründet mit Freunden und anderen MSM den Verein „Schwules Blut”. Gemeinsam setzen sie sich nicht etwa gegen die Diskriminierung von Homosexuellen bei der Spende ein, sondern primär für das Leben, wie Herr Martens voller Elan und Überzeugung erklärt. Denn das Gefühl damals bei der Spende, obwohl ein Treffer so selten ist, nicht helfen zu können, hat er bis heute nicht vergessen können.
Lars-Haucke Martens ist der Pressesprecher des Vereins. Er führt Interviews mit der Presse, pflegt Kontakt zu Politikern, aktualisiert die Webseite und kümmert sich um täglich eingehende Emails. Die Reaktionen auf den Verein sind unterschiedlich, doch wiederholen sich die Statements. Die einen bekräftigen den Verein in seinem Anliegen, die anderen werfen voller Zorn und Hilflosigkeit pure Fahrlässigkeit vor. „In der Diskussion gibt es selten ein Grau, sondern immer nur ein Schwarz und ein Weiß. Dazwischen gibt es eigentlich kaum was“, berichtet Martens aus eigener Erfahrung. Auf fast alle Nachrichten kennt er mittlerweile Antworten. Das gehört zu seinem Engagement. Man muss lernen mit verschiedenen Reaktionen umzugehen und auch Kritiker ernst zu nehmen, erklärt er und fragt ob er sich kurz eine Zigarette holen kann. Er streicht sich sein kariertes Hemd glatt und verschwindet kurz aus dem Bild. „Ich rauche in meinem Büro eigentlich nicht, aber für Sie mache ich gerne mal eine Ausnahme.“
Er selbst glaubt fest daran, dass er und sein Verein die richtigen Argumente haben und dass es wichtig ist, was sie tun. Doch scheint die Situation, in der er steckt wie ein bereits entschiedener Kampf. Schwules Blut e.V. gegen den übermächtigen Gesetzgeber. Dieser wird erst mal gar nichts ändern, meint Lars–Haucke Martens. Zu groß ist noch immer die Angst vor einer ähnlichen Katastrophe wie Ende der 80er. Damals infizierten sich rund 100 Menschen durch die Blutspende am HI-Virus, erklärt er. Konsequent und fast lückenlos wird seitdem aussortiert. Die Entscheidungsverantwortung in Sachen Blut-, Plasma- und Knochenmarkspende übernimmt nicht die Politik, sondern sie hat sie an das Robert Koch – Institut mit seinem Arbeitskreis Blut abgegeben. Bei Nachfrage wird sich stets auf dieselbe Statistik berufen: rund 70% der Neuansteckungen am HI-Virus im Jahr gehen auf Homosexuelle zurück. Gegen diese Zahl kann auch Herr Martens nichts machen. Und trotzdem findet er sie nicht richtig, da man mit der Zahl nur die Schwulen benennt die durch eine Neuinfektion aufgefallen sind. Die monogam und gesund lebenden Schwulen, die Spenden wollen, bleiben außen vor, erklärt Martens. Er setzt sich aufrecht hin und blickt geradewegs in die Kamera. „Die klammern sich doch sehr stark an diese Statistiken. Und das wird auch in den nächsten Jahren nicht weniger. Was wir uns wünschen ist, dass die HIV-Neuinfektionsrate bei Schwulen zurückgeht und dass dann ihr letztes Instrument, was die in der Hand haben, ad absurdum geführt wird. Wenn irgendwann die Neuinfektionsrate bei Schwulen niedriger wird, als bei Heterosexuellen, dann hätten wir eigentlich schon gewonnen.“
Er ärgert sich darüber, dass er bei der Blutspende nicht als Individuum gesehen wird. Dass er mit einer ganzen Gruppe gleichgestellt wird. „Ich persönlich verachte es, wenn Leute auf irgendwelche Bareback-Parties (Anmerkung Redaktion: Sex-Parties bei denen man ungeschützten Verkehr hat) gehen, oder sich absichtlich mit HIV infizieren. Ich verachte es zutiefst wenn Leute so achtlos mit dem Leben umgehen. Genau mit diesen Menschen möchte ich nicht verglichen werden. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich als Schwuler diskriminiert fühle, ich möchte als gesunder, bewusst lebender Mensch wahrgenommen werden, der Verantwortung übernehmen möchte.“
Martens war mit einem Mann verheiratet. Letztes Jahr ist die Ehe nach neun Jahren gescheitert. Adoption kommt für ihn als schwul lebender Mann nicht in Frage. Er glaubt, die Gesellschaft ist noch nicht bereit dazu. So kategorisiert er sich selbst nicht als Kämpfer für schwule Rechte und beschreibt seine Lebenseinstellung eher als konservativ. Sein Engagement für den Verein sei am Leben orientiert, weil er damals die Erfahrung des Nicht-Spenden-Dürfens gemacht habe, erklärt er. „Ich hab nicht mehr viel Zeit, gleich werde ich abgeholt.“, sagt er mit einem freudigen Blick und ist schon kurz davor aufzustehen. Heute ist Sonntag. Bei der Frage danach, was er vor hat, erzählt Lars- Haucke Martens von einem geplanten Kletterausflug mit Freunden. Am Abend wollen sie dann noch gemeinsam was kochen und es sich dann bei einer Folge „Desperate Housewifes“ auf der Couch gemütlich machen. Er denkt kurz nach und schaut schweigend aus dem Bild. „Ich bin ein totaler Beziehungsmensch und kann mich total gut an Menschen binden und sehr treu sein. Und dann unterstellt zu bekommen ein Bettenhüpfer zu sein, wie alle anderen Schwulen, in Anführungsstrichen, das stört mich dann schon sehr.“ Er blickt erst ernst in die Kamera und schaut dann auf die Uhr. Er muss los. Dann verabschiedet er sich lächelnd, bedankt sich für das Gespräch und das Videofenster schließt sich. Morgen wird Lars-Haucke Martens sich wieder seinem Verein widmen. Irgendwann hofft er, dass seine Argumente über die Kritiker und Gesetzgeber siegen werden, die Infektionsrate bei Schwulen zurückgeht und er dann sein gesundes Blut ohne Lüge, wieder als Lebensspender einsetzen darf.
Mehr zum Verein Schwules Blut e.V. gibt es hier.
