Zuckerberg und Peitsche – Das “neue” Facebook




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Wenn er eins geworden ist, dann selbstsicherer. Mark Zuckerberg sitzt merklich stärker, weniger ängstlich als noch vor knapp drei Jahren auf dem heißen Stuhl der US-Reporterin Lesley Stahl für CBS’ 60 minutes. Er ist auf die Fragen vorbereitet, bricht nicht in Schweiß aus, wenn er mit etwas Unangenehmen konfrontiert wird. Der junge Mann hat das zweifelhafte Polittalent einfach um den heißen Brei herumzureden und, falls notwendig, nicht auf die relevante Kernaussage einzugehen. Bevor der gute Zuckerberg aber nur kritisiert wird, wollen wir uns einmal anschauen, was die Neuerungen (rund um’s Profil) für Probleme und Verbesserungen mit sich bringen.

Gestern begann der langsame und schleichende Launch des neusten Streiches, den Facebook lange und akribisch geplant hatte. Eine neue, bessere und definitiv anders geartete Version des Profils ist “available now”. Nach diesem Facelift, über das sich jede/r User in einem integrierten Tutorial informieren kann, hat man die Möglichkeit, sein Auftreten den Fremden gegenüber zu alternieren.

Nach China und Indien ist Facebook mit 500.000.000 Menschen quasi das dritt bevölkerungsstärkste Land der Welt. Es werden 70 Sprachen gesprochen. Wenn man Einfluss auf das Kommunikations- und Präsentationsverhalten von 13,5% der Erdbevölkerung hat und ihnen suggerieren kann, wie und was man diesen Menschen von sich präsentiert (oder auch nicht), hat man einen gewaltigen, unschätzbaren Einfluss auf soziokulturell verwurzelte Strukturen. Neben dem klassischen Kommunikationsverhalten, das sich durch Web 2.0 sowieso  stark verändert und den neuen Medien angepasst hat, gibt Facebook uns nun die Chance uns einander vorzustellen, als kämen wir über einen Smalltalk ins Gespräch.

It is like breaking the ice, telling others exactely what you would be most likely telling them yourself, e.g. if you met at a bar. So basically Facebook is taking the first steps for getting to know each other. – (60 minutes)

Zuckerberg versichert, dass die Privatsphäreneinstellung 1:1 übernommen wird, und man sich doch keine Sorgen machen müsse, denn schlussendlich wäre es nur eine Neuerung des Designs, die keinerlei Einfluss auf die Settings habe. Wie in einem Lebenslauf sind nun die basalsten Informationen auf der Seite sichtbar – oben, wo früher der Status zu lesen war. Nun sieht man dort Name, Geburtstag, Wohnort, Beziehungspartner/in/nen, Job, Schulen, Universitäten, etc. Direkt darunter ein Ticker mit den aktuellsten Bildern, die neusten 5 werden automatisch für die Darstellung ausgewählt – es wurde reagiert, als man beim Social-Media-Riesen einen durchschnittlichen Uploadwert von ca. 100.000.000 Bildern am Tag(!), und damit deren User-Relevanz, registrierte. Auf der rechten Seite gibt das nun schon einige Wochen alte FreindshipTool uns die Möglichkeit, die Vorteile der virtuellen Transparenz noch effektiver zu nutzen.

You can see all the things you have in common with that person. It just gives you this amazing connection with that person. The current profile does not have that. – M. Zuckerberg

Und das, obwohl nicht bekannt war, dass jemand darum gebeten hätte. Bestenfalls weiß ich bereits, was ich mit meinem (langjährigen) Freunden gemeinsam habe. Jedoch muss man nun nicht mehr auf den Moment warten, wenn man sich lachend um den Hals fällt und sich fast einmacht vor Freude, dass man drei Jahre lang dasselbe Faible hatte und das am Rande durch einen dummen Zufall herausfinden kann. Der Zufall (“Chance”) wird aus unseren Leben eliminiert und durch Sicherheit ersetzt. Als Sahnehäubchen in der “Analyse”-Kategorie bietet Facebook dem User die Möglichkeit sogar die Gemeinsamkeiten zweier wahlloser Freunde genauer zu inspizieren. Stalking 2.0 wird dadurch wesentlich leichter gemacht. Wenn etwas gesehen werden soll, setzt Facebook alles daran, dass dies auch geschieht. Somit wird uns serviert, was für uns von Bedeutung sein soll.

In der linken Spalten, in der Freunde, das “Über Mich”-Feld, die Likes und einige der Fotoalben zu sehen war, wird nun das Augenmerk verstärkt auf die Verbindungen zwischen uns und unseren Liebsten gelegt. Offensichtlicher als zuvor kann nun die Relevanz meiner Kontakte dargestellt werden, in einem Ranking von oben nach unten. Familienmitglieder eingeschlossen. Ohne mehr darüber sagen zu müssen, ist bereits aus der Nennung der Fakten ersichtlich, dass es zukünftig zu großen Streitpunkten kommt.

Als wäre all das nicht genug, werden in unseren Wallfeeds nicht mehr nur unsere Handlungen angerissen, wie zum Beispiel “Hans Wurst hat auf deinen Pinnwand gepostet”. Seit der Neuerung kann man auch schon gleich sehen, was der Herr Wurst denn geschrieben hat. Notwendigkeit oder Überinformation?

[Facebook now is] emphasizing personality [more] with the new profile page.

All das lässt uns in der digitalen Welt noch durchschaubarer werden, nicht nur für Freunde, Mitmenschen oder unsere Fans, auch für Fremde, Firmen und Konzerne. Manchmal muss man sich die Frage stellen ob dieser 26-jährige Nerd überhaupt begreifen kann, was er erschaffen hat, welche Macht er mit seinem Medium ausüben kann. Er hat direkten Zugang zu mehr als einem Achtel der Erdbevölkerung. Er steuert wie Menschen miteinander agieren, steuert ihren Sprachgebrauch durch die vorgefertigten Buttons, Apps und Worte, die von Facebook genutzt werden.

Sollte das Konstrukt zu mächtig werden, zu groß für die kleinen Hände eines Harvardabsolventen, dessen Reichtum sich laut Forbes auf geschätze $35 Mrd beläuft, sollte er verkaufen, bleibt abzuwarten, was die Zukunft in der alternativen Realität für uns bereithält.

Definitiv wird er den Smartphonemarkt mit neuen Apps füttern, da mittlerweile bereits über 200.000.000 Menschen das Portal von mobilen Endgeräten aus nutzen. Alles andere steht in den Sternen. Jedoch ist facebook auf dem besten Wege, das neue Internet zu verändern, in dem es systeminterne Suchmaschinen stellt und uns auch zum Schriftverkehr durch ein neues Messagesystem von der klassischen Email abbringen möchte. Wann und ob es zum ultimativen Clash der Onlinegiganten kommt, bleibt abzuwarten.

Leugnen, dass Facebook sich in Richtung Monopolismus bewegt, will Zuckerberg nicht. Irgendwie geht er dieser Frage aus dem Weg. Ganz der Politiker 2.0 eben.


Hier der zweite Teil des Interviews von CBS’ “60 minutes”:

[youtube kqyZDDgDS-o]

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