Ein Surfreport: Bali 2010

Mein Vorsatz für das Jahr 2010 war es, endlich surfen zu lernen. Daher flog ich für einen Monat nach Bali in ein Surfcamp. Für mich war es nicht nur neu, dass ich versuchen wollte zu wellenreiten. Ich war auch noch nie in meinem Leben an einem Strand, an dem gesurft wurde. Vergangene Sommerurlaube verbrachte ich bislang an lauschigen Mittelmeerstränden. Auf Bali war ich nun zum ersten Mal mit richtig großen Wellen konfrontiert. Die Kraft dieser Naturgewalt sollte ich bald nur zu gut kennen lernen.

Mein erster Tag im Ikoa Surf Camp auf Bali war surffrei. Mit dem Moped machte ich mich zum nahe gelegenen Balangan Beach auf. Weit draußen in der Ferne, direkt bei den Klippen sah ich die ersten Surfer. Die Bucht in Balangan ist vollständig von einem Riff bedeckt. Da jedoch gerade Flut war, konnte man wenige Meter ins Wasser gehen, bevor das Riff begann. Um mir etwas Abkühlung zu verschaffen, beschloss ich dort etwas zu planschen. Es dauerte keine zehn Sekunden, bevor mich die erste Welle ergriff und mit voller Wucht auf den Sand klatschte. Mit Mühe konnte ich gerade noch verhindern, dass sich mein Bikini mit der Strömung auf Abwege begab. Schnellstmöglich rettete ich mich an den Strand. Den Rest des Tages verbrachte ich auf der Sonnenliege – weit weg vom Wasser.

Dieses Erlebnis war nur ein Vorgeschmack auf das, was mich die nächsten Wochen erwarten sollte. Meine ersten Surfversuche im flachen Weißwasser wurden von Angst und Schmerzen dominiert. Die Wellen kamen mit gnadenloser Beständigkeit herangerollt. Sanfte Giganten, die sich als eine grüne Wand vor mir aufbauten, bevor sie brachen und sich mit voller Wucht gegen mich und mein Board schleuderten. Ich bat täglich den Surf-Gott, er möge sie kleiner und sanfter machen, aber er erhielt wohl zu viele Anfragen aus Bali nach großen Wellen, um mich zu erhören.

An manchen Tagen waren sie schlicht zu groß, um mich ins Wasser zu wagen. Mit meiner Surfschule fuhr ich dann nach Dreamland. An diesem Traumstrand auf der südlichen Halbinsel Bukit, findet das Sehen und Gesehen werden der Surfszene Balis statt. Im Liegestuhl brütete ich -  mal wieder weit weg vom Wasser – vor mich hin und beobachtete die Surfer, die nahe am Strand ihre Wellen ritten.

Nach ein paar Tagen Übung im Weißwasser, durfte ich dann auch zum ersten Mal raus ins Line Up. Das Line up ist der Ort an dem die Surfer sich positionieren um auf  die Wellensets zu warten. Wenn gerade kein Set kommt, ist es ein friedlicher Platz an dem man gemütlich auf dem Brett chillt. Dort draußen lässt man einfach alles hinter sich. Aufs offene Wasser kann man außer dem Board nix mitnehmen. Kein iPhone, kein Geld, keine Kameras (obwohl, die Japaner bekommen sogar das hin!). Und irgendwie schaffen es auf einmal auch Stress und Sorgen nicht, einem dorthin zu folgen.

Wenn der Spot nicht zu überfüllt ist, ist die Stimmung unter den Surfern gut. Man unterhält sich, es wird rumgealbert, geflirtet und relaxt. Dabei sollte man allerdings nicht allzu lange den Blick vom Horizont abwenden. Die Szenerie wandelt sich blitzschnell, wenn in der Ferne ein Set heranrollt. Das Adrenalin schießt einem durch den Körper und alle geraten in Bewegung. Surfer versuchen sich möglichst ideal zu positionieren. Sie paddeln in die Richtung, in der sie den Peak vermuten, den Punkt an dem die Welle zuerst bricht, um von dort zu starten. Andere paddeln weiter raus, damit die Wellen nicht vor ihnen brechen und sie durchspülen. Kurz bevor das Set das Line up erreicht fängt das Wasser an zu schaukeln. Die balinesischen Local-Surfer johlen vor Vorfreude und dann sind die Wellen da. Um einen herum starten überall Surfer. Und auf einmal paddelt man selbst nach einer Welle…

Versaut man den Take Off, den Moment in dem man aus liegender Position auf dem Brett aufsteht, wird man „gewaschen“. Die Welle ergreift einen und man wird durchgeschleudert. Je größer und kraftvoller die Welle ist, desto länger verbringt man Zeit unter Wasser. Schier unbeschreiblich ist die Panik, die einen befällt, wenn man das Gefühl hat, dass einem die Luft ausgeht. Man weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Man rollt sich zusammen um sich davor zu schützen vom Board, den messerscharfen Finnen oder dem Riff erwischt zu werden. Man wünscht sich je wieder die Oberfläche zu sehen, bevor der Sog der Welle einen nochmals packt und noch tiefer nach unten zieht, ins Dunkle. Als ich meinen italienischen Surf-Kollegen Karlos einmal fragte „did u catch the wave?“, drückte er es so aus: „No. Unfortunately the wave caught me!“

Ich hatte angenommen, dass Surfer, die naturgemäß viel Zeit weit draußen im  offenen Wasser verbringen, furchtlos sind im Hinblick darauf, was unter ihnen so herumschwimmt. Daher war ich überrascht, wie stark verbreitet die Angst oder zumindest der Respekt vor Haien bei den meisten ist. In Bali ist das eher unbegründet. Zwar gibt es dort Haie, diese greifen aber keine  Surfer. Trotzdem waren sie ein ständiges Thema unter uns. Mein Surf-Kollege Nico, ein baumlanger Basketballer aus New York, trug an seinem ersten Surf-Tag seine rote Plastik-Uhr. Als er erfuhr, dass Haie vom „Bling“ angezogen werden, legte er sie fortan nie wieder im Wasser an. Zukünftig ging er auch sicher, dass er niemals in der Nähe von Carolina surfte, einer Spanierin, die beim Surfen ihre Ohrringe trug. Ich selbst bekomme eigentlich sehr leicht Panik im offenen Wasser. Ich traue mich nicht einmal im Berliner Schlachtensee weit „rauszuschwimmen“. Jemand hat mir mal erzählt, dass die Welse dort so groß sind, dass sie schon mal einen Dackel gefressen haben. Beim Surfen hingegen, hatte ich vor lauter Erschöpfung vom Paddeln und den ständigen Haiwitzen meiner Surflehrer („Paddle faster, there’s a shark behind you!“) nicht ein einziges Mal ernsthaft Angst.

Die Möglichkeit einem Hai zu begegnen, der Kampf mit dem Wellen, die Erschöpfung und die Angst, all das nimmt man im Kauf für einen Moment der meistens nur ein paar Sekunden andauert. Das ist der Moment in dem man die Welle gekriegt hat, auf dem Brett steht – und endlich surft! Spaß und Glück, wie man sie in diesem Moment empfindet, entschädigen einen für alle Strapazen. Kaum ist es vorbei, paddelt man schon wieder nach draußen, um die nächste Welle zu kriegen.

Nach vier Wochen Bali bin ich durch und durch vom Surf-Virus infiziert. Von den Wellen gewaschen zu werden, riesige Sets die vorm Line Up brechen und alle Surfer durcheinander spülen, von der Strömung aufs flache Riff getrieben zu werden – nix davon hält mich mehr davon ab, nach der nächsten Welle zu paddeln.

Ich entspanne mit meinem venezuelischen Surflehrer Luis draußen in Dreamland im Line Up.  Von unseren Brettern aus schauen wir auf die Leute, die am Strand liegen. „Das hier ist die andere Seite des Strandes“, sagt er zu mir. „Es ist besser auf dieser Seite zu sein. Lieber beobachtet werden, als nur Beobachter zu sein.“ Er grinst.

Einige Wochen später sitze ich im Flieger am Flughafen Denpansar auf Bali, kurz vorm Start. Braungebrannt, vom Riff zerschürft und mit kräftiger Oberarmmuskulatur besteht kein Zweifel mehr, dass ich als Surferin zurückfliege.  Durchs Fenster sehe ich den Surf-Spot Tora Tora, der gegenüber  vom Flughafen liegt. Das Riff dort ist nur mit dem Boot zu erreichen. Gleichmäßig brechen sich die Wellen. Ich erkenne ein paar Surfer. Ich weiß ganz sicher, dass ich so schnell wie möglich wieder auf „die andere Seite“ zurück will.

All photos © by Gila Polzin

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