„This is our time!“ – The Social Network von David Fincher


Als ich vor einigen Wochen zum ersten Mal den Trailer zu The Social Network sah weckte dieser große Zweifel in mir. So makellos sich die Filmographie von David Fincher (Seven, Fight Club, Zodiac) bisher auch gestaltete, erinnerte mich die Vorschau zu seinem neusten Werk an eine dieser unzähligen College-Klamotten, weltbewegenden Fragen wie „Wer schläft mit wem?“, „Wer schmeißt die besten Partys?“ und „Wie schaffe ich es einer von den coolen Jungs zu werden?“ inklusive. Doch wie konnte ich am Talent und der Vision dieses Regisseurs zweifeln. Ich habe David Fincher Unrecht getan. Ich bitte um Entschuldigung.

The Social Network ist kein College-Movie geworden, obwohl es zu großen Teilen auf dem Campus von Harvard spielt. Und obwohl es natürlich auch um Sex, Erfolg und elitäre Clubs geht, schafft es David Fincher seinem Film ein sanftes Gespür für die menschlichen Irrungen, die nahezu banalen jugendlichen Tragödien hinter der Fassade zu geben. Zwischen den Zeitebenen springend erzählt der Regisseur die Entstehungsgeschichte von Facebook, dem Aufstieg der Seite vom campusinternen Netzwerk zur größten Community der Welt mit 500 Millionen Nutzern und den beiden Gerichtsprozessen, denen sich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg unterziehen musste.

In wie zu erwarten eleganter und handwerklich nahezu perfekter Weise verknüpft Fincher die unterschiedlichen Handlungsebenen zu einem dichten Plot und porträtiert so gekonnt die Entwicklung Zuckerbergs vom verlassenen Nerd zum Multimillionär ohne dabei in Klischees zu versinken oder in seichte Gewässer abzudriften. Er schafft mit The Social Network nicht nur das Portrait eines genialen Kauzes, sondern erzählt auch die Geschichte einer zerbrochenen Freundschaft, der Qualen des Neids und des Dranges etwas Bedeutendes zu erschaffen.

Verließ sich David Fincher in seinem letzten Film The Curious Case of Benjamin Button noch auf altbewährte Hollywoodgrößen wie Brad Pitt und Cate Blanchett, besetzte er The Social Network – natürlich auch der Story wegen – mit einem Cast ambitionierter Jungschauspieler. Ein gutes Händchen bewiesen die Casting-Agenten, denn die von ihnen ausgewählte Besetzung erweist sich als Glücksgriff und verleiht dem Film echte Größe. Allen voran Jesse Eisenberg (Zombieland) als Mark Zuckerberg. Hin- und hergerissen zwischen dem Aufbau des größten Social Networks der Welt und zwei Gerichtsprozessen, schafft es Eisenberg über die gesamte Länge des Films die Balance zwischen Sympathie und Antipathie für seinen Charakter zu halten. Seine große Errungenschaft ist es Mark Zuckerberg so zu portraitieren, dass die Gefühle des Zuschauers nie den Bereich der interessierten Neutralität verlassen. Die Leere in Eisenbergs Gesicht nach abertausend Stunden Programmierarbeit vor dem Rechner zählt zu den großen Momenten dieses Films und lässt Raum für das notwendige Maß an Mysteriösität, das für die Darstellung der schwer greifbaren Motivationen und Gedanken von Mark Zuckerberg notwendig ist. Eine große Entdeckung ist Andrew Garfield als Eduardo Saverin, Marks bestem Freund und Facebook-Mitbegründer.

Die Bandbreite seiner Darstellung vom enthusiastischen Unterstützer zum gekränkten Freund und verstoßenen Geschäftspartner ist ein weiteres Highlight von The Social Network. Ein Lob auch für Justin Timberlake, der sich als Napster-Erfinder, Facebook-Teilhaber und leicht paranoider Lebemann Sean Parker gut in den erstklassigen Cast einfügt und die vielleicht beste schauspielerische Leistung seiner bisherigen Karriere abliefert.

David Fincher ist mit diesem Werk Großes gelungen, da ist sich die internationale Kritik einig, sogar Vergleiche zu Citizen Kane werden gezogen: Ein Mann unterwirft eine neue Technologie seinem Willen und verändert die Welt. Finchers Drama ist Vieles: Eine Parabel auf die Art und Weise wie die neuen Medien die Natur von menschlichen Beziehungen und Freundschaften verändern. Eine bedeutende Chronik unserer Zeit. Ein mitunter nachdenklicher Rückblick auf die vergangene Dekade. Viel ist geschrieben worden über diesen Film, aber eines lässt sich mit Sicherheit sagen: The Social Network ist nicht der Film über das Web 2.0 oder das Phänomen Facebook, aber er ist ein herausragender Film über die großen Köpfe unserer Generation und den Geist der ersten Jahren dieses noch jungen Jahrtausends. Und er fängt die Stimmung einer neuen Gründerzeit ein, einer Zeit, deren Errungenschaften unser tägliches Leben heute mehr als alles andere prägen und bestimmen. „This is our time!“, brüllt Sean Parker gegen den dröhnenden Lärm eines Nachtclubs in San Francisco an. Und Mark Zuckerberg machte aus einer Idee Milliarden.

Kommentar schreiben