Couchsurfing – eine Bestandsaufnahme




Hello, we are Karolin and Sarah and we’re gonna sleep on your couch tonight! Very nice to meet you!

Was bringt Leute dazu Fremde bei sich aufzunehmen, ihre Couch anzubieten, ein Teil ihres Lebens mit ihnen zu teilen?

Jeder von uns hatte schon mal Besuch. Es kann schön sein und anstrengend zugleich. Andere in sein Leben zu lassen, bedeutet immer von seiner gewohnten Routine abzuweichen, Platz zu schaffen und zu teilen. Für Freunde macht man das gerne, aber für Fremde? Menschen, die man noch nie vorher gesehen hat?

Es gibt 2.191.946 Couchsurfer in 237 Ländern dieser Welt. Ob in Lissabon, Amsterdam, New York, Ouagadougou, Baku Tursunzade oder Kyzyl-Suu – überall leben Menschen, die bereit sind, ihr Heim für ein zwei Nächte mit Reisenden zu teilen. In Kontakt miteinander, stehen sie durch die Internetplattform couchsurfing.org. Ein Forum, das laut eigener Aussage zur kulturellen Verständigung beitragen und eine ‘Global Community’ schaffen möchte, die sich toleriert, respektiert und voneinander lernt.

Es ist ein Non-profit Unternehmen und funktioniert ohne Verpflichtungen. Jeder kann sich dort ein Profil zulegen. Ähnlich wie bei Facebook schmückt man seine Seite mit Fotos und möglichst aussagekräftigen Sätzen über sich selbst und sein Leben. Ganz oben auf der Liste der beliebtesten Aussagen, stehen die Charaktereigenschaften ‘open minded’, ‘fun’ und ‘tolerant’ . Nach einem Besuch können Couchsurfer und Gastgeber Kommentare über die jeweiligen Qualitäten als Host oder Gast abgeben. Mit Hilfe dieses Profils erlangen die anderen Couchsurfer einen ersten Eindruck und können entscheiden, ob sie dich auf ihrer Couch haben/bzw. ob sie deine Couch in Anspruch nehmen wollen. Keiner ist verpflichtet, jemanden bei sich auf zu nehmen. Man hostet wen und wann man möchte.

Bevor wir uns diesen Sommer daran machten, die Sofas Portugals zu testen, beschäftigte uns die Frage nach den Motiven. Auf den Profilseiten wird oft der Wunsch nach Freundschaften, kulturellem Austausch und ‘good times’ geäußert.
Doch wie sieht das Ganze in der Praxis aus?

Die Wahrheit ist, es übertraf all unsere Erwartungen und die Portugiesen stellten sich als Couchsurfmaniacs heraus. Im Sommer verwandeln sie ihre Häuser und Wohnungen in Herbergen für Gäste aus aller Welt und widmen sich mit Inbrunst der Aufgabe ihren Gästen den Aufenthalt so schön und unvergesslich wie nur irgendwie möglich zu gestalten.

Eines Abends in Südportugal trafen wir zum Beispiel auf Manoel, wir waren bei ihm zum Essen eingeladen. Als wir die Wohnung betraten, bot sich uns folgendes Bild: Ein etwa 30-jähriger Portugiese sitzt am Küchentisch, umrundet von sechs Mädchen aus unterschiedlichen europäischen Nationen, isst glücklich schwedische Köttbullar und bespricht, wer welches Sofa bekommt und wen er morgen wann, wo hinfahren kann.

Ein Blick in sein zufriedenes Gesicht beantwortet meine Frage nach dem Warum von selbst. Später fragt er mich, wieso er denn wegfahren solle, die schönsten Strände Europas liegen vor seiner Haustür und nette Menschen aus aller Welt klopfen an seine Haustür. Er würde sich den Urlaub ins Haus holen. Allerdings erfahren wir von einem seiner Freunde später, dass diese extreme Gastfreundschaft auch Schattenseiten hat und Manoel im Sommer das Dreifache an Mietnebenkosten zahlt.

Auch in Lissabon sind wir nicht die einzigen Surfer auf der Couch. In dem kleinen Jugendstilpalast an einer der Prunkstraßen der Hauptstadt treffen wir außer unserem Gastgeber noch einen Münchner, eine Brasilianerin und einen Portugiesen.
Die Chemie stimmt sofort und unser Gastgeber lässt Arbeit Arbeit sein, um uns die schönsten Ecken seiner Stadt zu zeigen. Abends gibt es portugiesische Spezialitäten, Vinho Verde und Gitarrenmusik. Aus zwei Übernachtungen werden vier. Aus einer Gruppe von Fremden werden Freunde. Der letzte Abend rückt heran und mir fällt der Abschied schwer von dieser wunderbaren Stadt und meinen neuen Freunden. Doch der Gedanke hier und im dem Rest der Welt jederzeit eine Couch zu haben, tröstet mich.

Während ich an meinem Wein nippe und den Gesprächen lausche, die geprägt sind von den unterschiedlichen Akzenten, erscheint mir meine Frage nach den Motiven fehl am Platz. Die Frage müsste viel mehr lauten, warum habe ich mit Couchsurfing nicht schon viel früher angefangen?


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