How to explain it to my parents – Martijn Hendriks


Ein grauer Raum. Graue Wände, grauer Boden. Und als ob das Gesamtbild nicht schon monochrom genug wäre, ist dieser Raum ausgestattet mit einem grauen Tisch, grauen Stühlen und einer grauen Teekanne. Minimalismus oder Einfarbigkeit bis ins Detail. Nichts soll in diesem geometrisch perfekt arrangierten Bild vom eigentlichen Inhalt ablenken. Die besondere Mise-en-scène lenkt den Blick des Zuschauers umgehend auf den Mittelpunkt der Einstellung, eine rothaarige Frau mittleren Alters auf dem der Kamera zugewandten Stuhl. In der linken Bildhälfte sitzt ein jüngerer Mann, lässig zurückgelehnt, die Beine übereinander geschlagen, sich mit einem Arm auf der Stuhllehne abstützend. Zwischen den beiden Personen steht ein MacBook. Der junge Mann ist Künstler, die ältere Frau seine Mutter.

Was unter anderen Umständen ein standardisiertes Interview eines Künstlers über sein Werk sein könnte, ist in dieser von Sander Plug und Lernert Engelberts gedrehten Dokumentation ein Erklärungsversuch, eine skizzierte Rechtfertigung der Kunst denjenigen Personen gegenüber denen jeder von uns keine Rechenschaft schuldig ist, doch das Bedürfnis danach nicht leugnen kann: den eigenen Eltern.

Die beiden niederländischen Künstler Sander Plug und Lernert Engelberts konfrontierten in ihrer neunteiligen Dokumentationsreihe How to explain it to my parents? abstrakte Künstler mit ihren Eltern. Steht zu Beginn der Gespräche noch das für den Anlass ausgewählte Werk des Kunstschaffenden im Mittelpunkt, sitzen sich im Verlauf der Unterhaltung nicht mehr Künstler und Rezipient gegenüber, sondern Sohn/Tochter und Mutter/Vater. Ein Dialog über Kunst wird zum Dialog über die Beziehung von Eltern zu ihrem Kind. Oder wie es das Sleek Magazine ausdrückte: „The results are at once touching and humorous: the parents lovingly indulgent of their offspring, or struggling to comprehend their artistic efforts – or both.“



Dieser Spagat zwischen Kunst und Analyse einer Eltern-Kind-Beziehung ist Lernert und Sander auch mit der Aufzeichnung des Gespräches zwischen Martijn Hendriks und seiner Mutter gelungen. Hendriks, geboren in Eindhoven lebt und arbeitet in Amsterdam. Das für die Doku von Lernert und Sander ausgewählte Werk ist Hendriks’ Bearbeitung des Hitchcock Klassikers Die Vögel aus dem Jahr 1963. In einem aufwendigen Verfahren entfernte der Künstler Szene für Szene, Einstellung für Einstellung die Vögel aus dem eigentlichen Film, um mit diesem Akt der Nicht-Produktivität, der Umkehrung des kreativen Prozesses etwas Neues zu erschaffen. Spannung ohne Suspense. Nachdem Martiijn Hendriks den Zuschauer und seine Mutter über die Quellen seiner Inspiration, seine Intention und den schwierigen Arbeitsprozess aufgeklärt hat, stellt er die Frage, die die Besonderheit dieser Gesprächssituation ausmacht: Do you see anything of beauty in this? Was folgt, ist die ehrliche Antwort einer Mutter, in deren Augen Hendriks eben nicht nur Künstler, sondern auch Sohn ist.

Seine Gedanken, Vorstellungen und Schaffen, sei es künstlerisches Werk oder nicht, denjenigen Menschen zu erklären, denen man nahe steht, kann bisweilen eine schwierige und anstrengende Aufgabe sein. Die Leichtigkeit und Empfindsamkeit, die Sander Plug und Lernert Engelbert in den Gesprächen ihrer Dokumentationsreihe vermitteln, ist gerade auf dem mit hohem Erklärungsbedarf ausgestatteten Feld der abstrakten Kunst erfrischend und berührend zugleich.



7 Kommentare

  1. Tja, das Problem seinen Eltern zu erklären was man eigentlich macht werden wohl in Zukunft immer mehr Leute haben. Aber nicht nur im Künstlerberuf ist das schwierig, bei all den neuen englischen Berufsbezeichnungen blickt doch sowieso niemand mehr durch. :)

  2. Conceptual Design meets Performance Art – Bankangestellte oder Immobilienmarkler haben es sicherlich leichter.

    (Ich liebe grauhaarigen Papa in Video 2)

  3. meine eltern haben bis heute nicht verstanden, was ich studiert habe oder was ich arbeite. dabei ist das wesentlich profaner als bei den hier dargestellten beispielen. schönes projekt!

  4. tolles und spannendes Projekt und dies auch toll geschrieben vom Julian..
    Au man, bei meinem Vater wäre ich da sicher schon resigniert was erklärungen..gar rechtfertigungen angeht. ^^

  5. toll toll…hab jetzt alle gesehen…och, wie süss der eine ist mit seinen eltern und am anfang den computer hochfährt und angespannt wartet.. :D

  6. Pingback: “The Procrastinators” – eine Minidoku über’s Aufschieben

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