
Betritt man dieser Tage die Levy Galerie in Berlin Kreuzberg, so lässt auf den ersten Blick nichts auf Chaos schließen. Zumindest nicht auf die Definition von Chaos, die im allgemeinen Sprachgebrauch gang und gäbe ist – Chaos als Synonym für Wirrwarr und Unordnung. Vielmehr findet sich der Besucher klaren Formen und großzügig genutzter Galeriefläche gegenüber, die eher das Gefühl von Ordnung und Leere vermitteln als von Chaos. Trotzdem oder gerade deswegen findet hier im ersten Stock der Rudi-Dutschke Str. 26 eine intensive Auseinandersetzung mit Chaos statt. Auf verschiedenen Ebenen greift der Künstler Felix Kiessling dieses Thema in seiner derzeitigen Ausstellung Neuordnung auf. Zum einen wird an die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs erinnert. Chaos kommt aus dem griechischen und steht für ‘Leere”/ “Abgrund”. Mit seiner minimalistischen Ästhetik und der Reduzierung auf das Wesentliche kreiert der Künstler dieses Gefühl von Leere.
Zum anderen sind fast alle Werke im Wandel und/oder Wachstum begriffen. Der Künstler gibt den Rahmen vor, in dem sich dieser Wandel vollzieht, hat jedoch auf den eigentlichen Prozess keinen Einfluss. Er schafft also Abläufe, die nur schwer oder gar nicht voraussehbar sind und damit als chaotische Vorgänge bezeichnet werden können.
Nimmt man zum Beispiel das Werk Maxit-Mur, eine 120×80 große und 2 cm dicke Betonplatte, die von einem an der Decke hängenden Tropf langsam befeuchtet wird. In der Luft umherfliegende Keime und Sporen besiedeln die feuchten Stellen und verändern das Aussehen der Platte. Der Hamburger Künstler bestimmte die Form der Betonplatte und auch die Feuchtigkeitsmenge, die ihr zugeführt wird. Wie der Beton reagiert und was daraus entsteht, das kann er sich nur vorstellen, Einfluss darauf hat er keinen. Und so entsteht durch Wachstum und Wandel eine Neuordnung.
Eine Neuordnung, wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise, schafft Felix Kiessling mit seinem Werk Planet. Diesmal ist es nicht das Werk, welches sich wandelt. Der kleine Betonplanet bewegt sich nur leicht, er ist hell angestrahlt. Es ist die Wahrnehmung des Besuchers, die einen Wandel erfährt. Er tritt aus den hellen Räumen der Galerie in einen dunklen Raum, in dem nur der Planet leuchtet. Es ist ein Rauschen zu hören, der chaotische Soundtrack des nächtlichen Berlins. Der Besucher verliert jeglichen Sinn für Dimension und Räumlichkeit, sein einziger Orientierungspunkt ist der scheinbar schwebende Planet.
Diese Thematik vertieft der Künstler in zehn Werken und greift dabei auf die unterschiedlichsten Materialien zurück. Ähnlich wie sein Mentor Olafur Eliasson, begnügt sich Felix Kiessling jedoch nicht mit dem Raum in der Galerie. Aufmerksame Besucher können das Übermenschchen entdecken, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite Position bezogen hat und wie schon bei vorherigen Ausstellung seinen Schöpfer zu beobachten scheint.
Neuordnung ist Teil der Ausstellungsreihe Levy 1st View, die sich junger Gegenwartskunst widmet. Die Levy Galerie Berlin existiert seit September 2009 und ist eine Dependance der Hamburger Levy Galerie, die Anfang der 70er gegründet wurde. Neuordnung ist noch bis zum 4. September ausgestellt. Wo? Rudi-Dutschke-Str.26, 10969 Berlin Wann? Mi-Sa 12 bis 18:00 Uhr.



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