Lissabon: 50 Euro warm und duschen nur bei Regen

Zu vermieten:
Zwei-Zimmer Altbau Wohnung im Herzen Lissabons,
EUR 50 pro Monat/warm (Eimer im Hof und duschen nur bei Regen)

Leben in Berlin ist günstig, in Paris ist es teuer und in London fast unbezahlbar. Über Wohnen in Moskau sollte man nur nachdenken, wenn man ein gut gefülltes Portemonnaie hat und auch Amsterdam verlangt ein gewisses Budget. Weniger kostspielig ist Bukarest und am günstigsten wohnt es sich in Europa in Sarajevo.
Doch wie sieht es eigentlich in der portugiesischen Hauptstadt aus?

Während ich durch die verwunschenen Gassen Lissabons schlendere, frage ich mich wie es wohl wäre, hier für eine Zeit lang zu leben. In Gedanken sehe ich mich schon in einer kleinen Zwei-Zimmer Altbau Wohnung mit Balkon im Stadtteil Alfama hausen. Wohnungsmangel scheint hier, wie auch im Rest der Stadt, nicht zu herrschen. Zu meiner Verwunderung entdecke ich überall anscheinend leerstehende Häuser. Ihre Fassaden bröckeln schon, oft werden die Gebäude mit Eisenträgern vorm Einsturz bewahrt, doch der Prunk vergangener Tage ist unübersehbar.

Ich befinde mich nicht in einem Randbezirk der Stadt, durch den eventuell der Autobahnzubringer gebaut wurde und der nun, einen hohen Bevölkerungsrückgang zu vermerken hat. Nein, ich laufe durch das Herz der Stadt. Die Lagen sind exklusiv, teilweise bieten sich einem schwindelerregende Blicke auf den Hafen und die Flussmündung und das Leben auf der Straße könnte nicht schöner sein. Bei genauerem Hinsehen merke ich, dass in der ein oder anderen Ruine noch jemand wohnt. Mal ist es ein Blumentopf, mal die Wäsche vor dem Fenster die die Bewohner verrät. Ich bin verwirrt und weiß nicht wie ich den anscheinenden Wohnungsüberschuss mit dem Gespräch des gestrigen Abends zusammenbringen kann, in dem sich zwei meiner portugiesischen Freunde über die hohen Mieten in der Hauptstadt beklagten.

Wie können die Mieten so hoch sein, wo doch jedes achte Haus leer zu stehen scheint. Ein portugiesischer Architekt erklärt mir, dass diese Ambivalenz ihren Grundstein im Mietrecht des Landes hat. So fallen alle Mietverträge die vor 1990 geschlossen wurden, noch unter das alte Mietrecht aus den Zeiten der Diktatur, dass dem Mieter ein unbegrenztes Wohnrecht einräumt und ihn vor Mieterhöhungen schützt. Die Hausbesitzer dürfen die Miete nur der Inflation anpassen und können ihre Mieter höchstens rausschmeißen wenn diese ihre Miete nicht zahlen oder illegale Geschäfte tätigen. Was dazu führt, dass es in Lissabon ca. 260.000 Wohnungen gibt, die eine Miete von 50-60 Euro im Monat haben. Die Hausbesitzer können die Miete nicht erhöhen und erst nach dem Tod (bzw. dem freiwilligen Auszug des Mieters, aber wer zieht bei einer Miete von 50 Euro schon freiwillig aus?) einen neuen Vertrag aufsetzten.

Im ersten Moment erscheinen mir das paradiesische Zustände zu sein. Eine zwei-drei Zimmer Altbauwohnung im Herzen einer europäischen Hauptstadt für nur 60 Euro – besser geht es nicht. Aber die Konsequenzen sind unübersehbar.  Die Hauseigentümer verdienen nicht an ihren Objekten und ihnen fehlt das Geld für die dringend notwendigen Reparaturen. Viele Wohnungen sind noch ohne Bad und Küche, die Dächer sind undicht und die Fassade bröckelt. Neue Mieter können sie nicht reinnehmen, die Alten jedoch nicht rausschmeißen. Und so verfallen Teile der Stadt unaufhaltsam, während um die sanierten Wohnungen der Kampf ausbricht und die Mieten hier in die Höhe schießen.

1990 und 2006 wurden Gesetzesänderungen vorgenommen, die diesem Prozess entgegenwirken sollen. Doch ein Rundgang durch die Stadt zeigt, dass die Gesetze in der Realität noch nicht angekommen sind.

Und so schlendere ich weiter und genieße den morbiden, geheimnisvollen Charme der Stadt.


3 Kommentare

  1. Das habe ich auch schon oft gehört, dass es noch solche Preise gibt. Bis jetzt wohnen aber alle die ich kenne hier in Lissabon inb teuren Wohnungen. Naja. Schade eigentlich!

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