Capitalism killed love




 

Es ist Sonntag 23:30 Uhr. Mein Handy piepst.
„Fleisch?“ steht auf meinem Display.
„Wird Fleisch geliefert?“ antworte ich.
„Nein, Fleisch gibt es nur in Xberg.“
„Ich frage mal Mandy von der Ecke Oranienburger/Auguststrasse, ich glaube sie liefert auch in andere Stadtgebiete“ entgegne ich der Aussage des Gegenübers.
„Ach komm, jetzt sei doch nicht so!“

Doch, ich bin jetzt so. Genau jetzt. Vor zwei Jahren hätte ich mich noch liefern lassen, nach Kreuzberg. Per Taxi. Mein Fleisch geliefert, um im Gegenzug das Fleisch des anderen zu bekommen. Misch-Hacke sozusagen. Heute machen mir Burger Angst. Vielleicht versuche ich deshalb seit Beginn des Jahres meinen soften Fleisch-Ausstieg. Vegetarierin vor dem 30. Lebensjahr. Das ist ja kein Zufall.

Identität gibt es am Kiosk

Ob man sich nun als Fleisch oder Candy bezeichnet. Wir sind alle zu Produkten geworden – vor langer Zeit. Die Frage bleibt, an welcher Stelle im Regal wir liegen wollen.

Begehrlichkeit zeichnet sich durch die eigene Position aus. Hierarchie ist überall, besonders bei der Suche. Ob ich der simple Schokoriegel im unteren Regalteil sein möchte oder die schwererreichbare Trüffelpraline ganz oben – das ist meine Entscheidung.

Unterscheidung findet durch die Einsetzung äußerer Attribute statt. Ein Jeder weiß, dass die Packung nichts mehr über den Inhalt aussagt. Das haben wir gelernt, die Kinder der Postmoderne. Und nicht nur gelernt. Geradezu verinnerlichen wir die Mechanismen des Marktes und verpacken unser Äußeres mit einer begehrlichen Maskerade an trend-ausgerichteten Eyecatchern. Ohne Rücksicht auf den Verlust des inneren Selbst.

„Immer an den Markt angepasst“ lautet die Devise. Heute sagt der Musikgeschmack, die Wohnungseinrichtung, der Haarschnitt und das Sommerkleid nichts mehr über die innere Verfassung aus. Heute kann jeder Mehrwert beweisen. Das Magazin am Kiosk macht es möglich.

Die längste Praline der Welt ist eben nur ein schnöder Schokoriegel. So fallen wir rein auf die realexistierenden Fakes im Liebes-Sturm. Eigentlich sind wir selbst der große Reinfall. Mit eben denselben Bildern im Kopf und den unerfüllbaren Forderungen, die wir an unser Gegenüber stellen. Beschweren uns im immergleichen Rhythmus über die fehlende Bereitschaft zur Begegnung und können uns, aus unserem eigenen Erwartungskorsett, nicht befreien.

Hollywood hat uns zu Romantiksüchtigen gemacht

Die Projektion ist allgegenwärtig. Und zu welch schönen Projektionsflächen wir geworden sind. Da kommt man nicht umhin, dass einen die dreimonatige Hormon-Spritze der Verliebtheit in die Abgründe der Nicht-Kompatibilität befördert. Was danach mit dem rapiden Sturz jenes Spiegels einsetzt, ist die Katastrophe der Desillusionierung. Der tiefe Fall. Der Abturn nach dem Trip.

Die Suche ist zum Ziel geworden. Leider. Denn das Ziel versickert im Gefühlstaumel der Illusion.

So verzwecken und funktionalisieren wir einander, um den Schmerz über die eigene Entmachtung zu kompensieren. Rennen von Mensch zu Mensch, von Trip zu Trip, um uns unsere tägliche Dosis Love-Liquid zu spritzen, bis wir nicht mehr können. Bis es nicht mehr anschlägt und wir anfangen uns zu beschweren. Über die dumme Kuh. Den gefühlskalten Idioten. Über das böse Berlin. Die Stadt der Singles. Der Einsamen und Beziehungsunfähigen.

Work hard. Love hard.

Immer wieder aufs Neue ergießt sich die Farbbombe der Täuschung über der Stadt und wir suhlen und baden uns darin, wie bei einer schlechten Schaumparty. Am Morgen wachen wir auf, in feuchten Kleidern – wenn wir überhaupt noch angezogen sind. Leer und verwirrt. Enttäuscht und gelangweilt. Solange bis der Flyer für den nächsten One-Night-Seelenstriptease ins Haus flattert.

Wie ein Hamster in seinem Hamsterrad. Die Wiederholung des Immergleichen. Schnaufend und meckernd zeigen wir auf die anderen Hamster in ihren Hamsterrädern und vergessen dabei unser eigenes Strampeln im selbigen.

Der Ausweg ist der Sprung. Aus eben diesem Rad. Raus in den vorerst drögen und staubigen Käfig voller Sägespäne, der endlich zum eigenen blühenden Garten gestaltet werden muss.

Denn Liebe ist nicht diese unkontrollierte Endlos-Suche nach dem oder der Richtigen. Nicht der glückliche Zufall. Nicht der verrückte Augenblick. Nicht der richtige Song. Nicht der Sonnenuntergang. Liebe ist auch nicht derselbe Gedanke zur gleichen Zeit. Nicht die „süße“ SMS, nicht der Schmerz der Eifersucht, nicht die unerträgliche Sehnsucht und schon gar nicht der Hass.

Liebe ist das Finden seines Selbst. Liebe ist Arbeit. Die Arbeit sich von den Bildern der anderen und der Vergangenheit zu befreien. Sich nicht nur weg von einem Produkt, wieder hin zu einem Menschen zu entwickeln, sondern besonders anstatt eines Produktes, vor allem wieder einen Menschen zu wollen und diesen lieben zu lernen!

Das bedeutet selten Friede und Einklang und am wenigsten eine gute Zeit, sondern den Willen zu wachsen, miteinander und aneinander mit all den Schwierigkeiten und Kämpfen, die zwei Individuen so produzieren können.

Gekämpft werden kann nur mit einem Gegenüber, das selbst gesprungen ist. In das eiskalte Nass der Ich-Werdung. Dieser Akt ist nicht mit der Erkenntnis getan. Dieser Akt ist eine Lebensaufgabe, der wir uns entweder stellen oder uns für immer im Labyrinth der Suche wiederfinden.

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6 Kommentare

  1. Das lustige ist nicht der Text, der mag toll geschrieben sein, sondern eher die Tatsache, die, die es “liken” selbst als die größten Bumser von Berlin Mitte gelten. Und die meisten von denen, finden das 100% auch gut so.

  2. Ein schöner und auch zutreffender Text. Bleibt die Frage was zu tun ist, wenn nach dem Absprung kein auch nur ansatzweise sprungbereites Gegenüber zu finden ist? Die Berliner Lösung: sich den einsamen Aufprall ersparen und heiter weiter im freien Fall durch die Nacht. Mit all den bodenlosen Frechheiten (siehe Zuschreibung “Bumser”) die dazu gehören und nie nie nie erwarten, dass irgendwer das versteht.

  3. Das ist gut…das ist richtig gut..
    und wenn die “großen Bumser” von Berlin sich darin wiederfinden, entdecken sie den Sprung aus dem Hamsterrad vielleicht als Möglichkeit^^

  4. Die Bumser kennen von der Möglichkeit schon längst, würden diese es denn auch wollen (Hamsterrad…), täten sie es schon. Sie finden es gut so, und es soll so bleiben, sie schreien: das ist unser neuer hedonismus.

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