Ein Mann mit Tattoos

Dies sollte die Geschichte eines Tätowierten werden. Jetzt wird es eine kurze Erzählung eines Mannes mit Tattoos.

Vor ein paar Tagen nahm ich eine späte Tram zur Arbeit, es sah nach Regen aus und ich ließ mein Fahrrad zu Hause stehen. Ich hatte für die Arbeit eine Schallplatte gekauft und schaffte es gerade noch, die 86 in die Stadt zu erwischen. Um die Uhrzeit konnte ich mir einen Platz aussuchen, die Bahn war fast leer. Ich setzte mich, die Bahn fing zu schaukeln an, ich ließ die Gedanken schweifen.

Ich kam erst wieder ins Hier und Jetzt, als sich der Typ in der Reihe vor mir, umdrehte. Ich vermute, er hatte kein Ticket und wollte sicher gehen, dass keine Kontrolettis einstiegen. Der Typ holte mich deswegen aus meinen Gedanken zurück, weil er tätowiert war. Aber nicht so wie du, oder wie ich. Mit einem Tattoo irgendwo, vielleicht dezent, vielleicht weniger dezent, vielleicht ärgern wir uns mittlerweile drüber. Nein, der Typ war überall tätowiert. Nichts Zusammenhängendes, wenn ich das so schnell erkennen konnte, eher viele kleine Tattoos über der Lippe, auf den Wangen, den Augenlidern, Ohren, Nase – überall!

Ich dachte darüber nach, was einen dazu bewegen könnte, so eine radikale Entscheidung zu treffen, sich so der Permanenz zu verschreiben, sich nie verstecken zu können, nie übersehen werden, immer präsent, immer „der Typ mit den Tattoos“ zu sein. Und dann dachte ich, ich kann ihn ja eigentlich fragen. Aber ich traute mich nicht, fing an, abzuwägen, debattierte mit mir, wie und ob ich ihn ansprechen solle. Die Debatte in meinem Kopf endete mit dem Kompromiss: wenn er an meiner Station aussteigt, dann spreche ich ihn an – wenn nicht, dann nicht.

Wir erreichten Bourke St und der tätowierte Mann und seine viel seichter tätowierte Begleiterin stiegen vor mir aus. Ich war es meinen inneren Verhandlungen schuldig. Ich sprach erst sie an, dann ihn. Er war interessiert, mir ein paar Fragen zum Thema Tattoos zu beantworten. Wir tauschten Nummern aus. Am Nachmittag erhielt ich eine SMS „Hi, W hier, der Tattoo-Typ (selbst er referenzierte sich so!), blabla. Wir texteten hin und zurück. Ich meldete ihm, Samstag wäre gut, am liebsten tagsüber, ca. ne halbe Stunde, er könne gerne seine Freundin mitbringen.

Er antwortete, „nee, lieber ohne Freundin, die würde nur nerven.“ Hmm… Ich also zurück: „ok, sag einfach, wo und wann und wir können das Interview ganz entspannt über nem Kaffee machen“ – daraufhin er: „gut, dann kann ich mich ja eine halbe Stunde an deinem Akzent laben.“ Pause, bei mir. 20 Sekunden drüber nachgedacht. Ein tätowierter Mann ist auch nur ein Mann. Dann an ich ihn zurück: „ich bin an nichts außer der Geschichte deiner Tattoos interessiert. Entweder das ist ok, oder wir lassen es.“ Ich habe keine weitere SMS erhalten. Die Geschichte geht also so: ich wollte die Geschichte dieses Typen herausfinden. Die habe ich nicht gehört, aber eine andere. Eine ganz kurze, in 4 x 157 Zeichen. Und die habe ich jetzt erzählt.

Gutes zum Thema:

Auch aus Melbourne, aber anders: Home Made Tattoos rule von Thomas Jeppe, Serps Press (May 2006)

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