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Copkiller von Ice-T stand einst auf dem Index, zumindest kurz nach der Veröffentlichung. Ich war 15 oder 16 und besorgte mir das Album auf Kassette, kopiert von einem Freund, der das „ungesäuberte“ Bodycount-Album hatte. Ich fand das irgendwie subversiv. Ice-T war harter Scheiß – und deswegen war es cool!
Schnitt.
Ice-T mit gelben Anti-Lockenwicklern im Haar, die sein naturgegebenes Kraus-Haar glatt und geschmeidig machen. Der Cop Killer!!
Mittlerweile 33, Bodycount hatte den Milleniumswechsel in meinem Kopf nicht überlebt – war irgendwo in einer hinteren Gehirnschachtel unter „90iger“ abgelegt. Bis gestern, als ich den Film „Good Hair“ von Chris Rock im ACMI sah. Ein Dokumentarfilm, der der Frage nachgeht, „what is good hair?“. Klingt seicht, ist es aber nicht. Es geht um die gängige Bezeichnung für das, was bei dem Großteil der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA als gutes Haar gilt: „relaxtes Haar“. Das Pendant „nappy hair“ (die Krause, der „Afro“) hingegen gilt als ungepflegt, das andere „N-Wort“, ist Zeichen der Unterschicht und wird oft mit „kinky“ beschrieben – zu deutsch: verdreht, aber auch: abartig, abnorm.
Mit einer so stark sozial beladenen Haltung zum eigenen Haar ist ein Film wie „Good Hair“ so etwas wie ein Politikum. Es ist weiterhin kein Wunder, dass ein Großteil der Amerikaner mit Afro-Haar-Hintergrund im Laufe seines Lebens häufig den Kopf hinhält. Das Haar wird mittels eines „Relaxers“ relaxed– ein Produkt, das im chemischen Slang Calcium Hydroxide heißt. Eine Chemie-Keule, so ätzend, dass eine Dose im Bad dieses Stoffes nur ein paar Stunden braucht, um sich in sich selbst aufzulösen. Der Relaxer wird ständig über die Haare geschmiert; ist deshalb so populär, weil er dem Haar sämtliches Protein entzieht, das die Krause zum kräuseln braucht. Das Resultat: good hair, oder politisch korrekter „so called good hair“ – oder auch: glattes Haar – oder ganz direkt: kaukasisches Haar.
Der US-amerikanische Comedian/Schauspieler/Producer Chris Rock hat es geschafft, Stars und Sternchen aus Film-, Musik- und Porno-Industrie, sowie Medizin und Literatur vor der Kamera einen Haare-Strip hinlegen zu lassen. Langsam geht es los, langsam fallen die Hüllen. Der Scheinwerfer immer auf der Frage „was ist gutes Haar?“. Einige bekannte, einige unbekannte Gesichter – und dann sitzt ER plötzlich vor mir: Ice-T – er schildert die Strapazen, die seine Haar-Stil-Wahl mit sich bringt. Der alte West-Coast-Gangster-Rapper beschreibt die Relaxer-Behandlung als „something like a torture session“ und erzählt eben auch die Geschichte mit den gelben „hot combs“, den heißen Kämmen, die das Kraushaar glatt ziehen. Mein Respekt vor Ice-T hat seinen Höhepunkt erreicht, ehrlich. Und natürlich lachen wir alle, ist ja lustig.
„Good Hair“ ist dennoch nicht nur eine spaßige Doku (in den credits steht „Vanity Fair calls it hilarious“). Zwar steht der Humor irgendwie im Vordergrund, doch kommen etwas hintergründiger Themen auf, die man beim Stichwort „Haar“ nicht unbedingt denken würde. Es geht um Politisches, Soziologisches, Rassistisches, Kulturelles, Sexuelles, Wirtschaftliches, Emotionales – und es geht sogar auch um Globalisierungskritisches. Ich glaube aufrichtig, Chris Rock hatte am Anfang seiner Haar-Odyssee keine Ahnung, was am Ende alles zu Tage kommen würde. „Good Hair“ bringt ein „black topic“ in die Öffentlichkeit, das passiert nicht so oft.
Irgendwas wird schon hinter der Bemerkung stecken, die Comedian Paul Mooney mit einem total überzogen wackelnden Afro in die Kamera sagt: „If your hair is relaxed, white people are relaxed.“ In ihrem Buch „Hair Story“ schreiben die afroamerikanischen Autorinnen Ayana Bird und Lori Tharps vom Zusammenhang zwischen Haar und Status, der sich bereits zu Sklavereizeiten zementierte: Je europäischer das Haar der Sklaven war, desto näher waren sie in der Gunst des Herren. Sprich, war das Haar glatt, sklavte man im Haus, war das Haar gekräuselt, sklavte man auf dem Feld. Ein Unterschied, der auch über Leben und Tod entscheiden konnte. Dieses ungeschriebene Gesetz, diese Haar-Hierarchie gilt rund 150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei vielerorts immer noch: die Unterschicht trägt Krause, oder ein kleiner, emanzipierter Teil derer, die sich aus diesem Klassen-System befreien wollen. Der Afro als politisches Statement (Stichwort: Black Power), allerdings nicht im weißen Haus. Auch da wird relaxed.
Dass die ‚black’ Haar-Industrie neben dem chemischen Relaxer oder „Perm“ und dem heißen Eisen noch eine ganze Latte anderer Möglichkeiten auffährt um ‚gutes Haar’ zu haben, berichten in Chris Rocks „Good Hair“ gerade eine Reihe weiblicher Quellen. Die Damen von Salt’n Pepa zum Beispiel. Sie führen sämtliche Optionen auf: Rasur/Perücke, Haarverlängerungen oder aber „weaves“. Weaves sind Alltagsrealität vieler Afro-Amerikanerinnen und funktionieren so: Das echte Haar wird zu einem eng anliegenden Zirkel um den Kopf geflochten. In diese Flechtzöpfe werden dann Plastikhaare oder echte Haare eingenäht. Die Prozedur dauert gut einen halben Tag, ist teuer und sieht so aus, als könne sie wehtun. Haar-Behandlungen jeglicher Art sind kein Einzelfall, sie sind die Regel.
Die so genannte „black hair industry“ setzt im Jahr 9 Milliarden Dollar um. Ein Weave kostet – bei Echthaar – zwischen 1000 und 3500 US-Dollar. Das Durchschnittseinkommen eines African-American liegt bei $30,134 im Jahr. (Quelle: “US Census Bureau, median household income according to certain demographic characteristics”. Retrieved 2006-06-29). Wenn man auch nur zwei Mal im Jahr nachbessern muss, ist gut ein Zehntel des Jahreseinkommens weg. Für die Haare! Das Haupteinkommen der Black-Hair-Industry bleibt allerdings nicht in der black community, es wandert zu einem Großteil nach Korea. Gar nicht so weit von Korea entfernt liegt Indien. Indien spielt auf dem black-hair-market eine überdimensional große Rolle. Chris Rock lehrt uns: menschliches Haar ist Indiens größtes Exportgut.
Hindu-Frauen, die sich das Haar als Opfergabe scheren lassen, haben in der Regel keine Ahnung, dass ihre Zöpfe einige paar Tausend Kilometer weiter westwärts für teures Geld wieder an den Mann, bzw. an die Frau gebracht werden. Vor Chris Rocks Kamera sitzen sie, die Endabnehmerinnen dieser indischen Haarteile. Manche von ihnen sind berühmt, viele sind es nicht. Das Haar, so kommuniziert es der Film von Chris Rock, ist das höchste Heiligtum der afro-amerikanischen Frau. So heilig, dass es, außer dem Friseur von keinem berührt werden darf! Unter keinen Umständen. Auch nicht beim Umstand Sex. Sie alle sind sich einig: auch wenn die Hosen runtergelassen werden, die Frisur bleibt tabu. Die Frauen sagen: „Do not touch my weave“, „no“, „you just don’t touch it“ – drei Sätze, eine Devise. Die Männer sagen: „you better don’t come near it“, „you just keep the hand on the tits“. Ice-T ist es, der am Ende von „Good Hair“ eine ziemlich tolerante Bilanz zieht. Er sagt, werte einfach nicht, lass die Frauen machen, was sie brauchen um sich wohl zu fühlen, denn: „if a woman ain’t happy with herself, trust me, she won’t bring nothing but pain to every fucking body around her“.
GOOD HAIR gewann den Special Jury Prize beim Sundance Festival 2009. Eine aufschlussreiche, marginal globalisierungskritische Dokumentationskomödie.
Buch zum Thema:
Hair story: untangling the roots of Black hair in America Von Ayana D. Byrd,Lori L. Tharps
Andere interessante Quellen:
Jet Mag on Natural Hair
The Tyra Banks Show: „What is Good Hair?“, 2009
Und als Nachtisch den hier, danach wollen wir alle ein weave, als Selbstverteidigungswaffe…

